26. April 2010

Reise in den Norden


In der letzten Woche vor den Ferien haben wir wieder unsere Examinations geschrieben, neun Arbeiten innerhalb einer Woche. Jetzt haben wir seit drei Wochen Ferien.Nach drei Monaten Schule endlich fünf Wochen frei! Unserer Rundreise stand also nichts mehr im Weg. Zehn Tage lang sind wir einmal quer durch Ghana gefahren. Es war die beste Reise meines Lebens und ich habe so unglaublich viel gesehen, erlebt und so viele tolle und interessante Menschen kennen gelernt. Als Sarah und ich uns am Montag früh auf den Weg gemacht haben, wussten wir nicht viel mehr als dass wir mit einem Frachtschiff über den Volta Stausee nach Tamale fahren und einmal an Bord übernachten würden. Alles andere hat sich spontan ergeben und wir sind gut herum gekommen! Unsere Reise wäre sicher nicht so ereignisreich gewesen, wenn wir alles im Vorhinein geplant hätten. Mit dem Trotro sind wir nach Accra und von dort weiter nach Akosombo an den Volta Stausee gefahren. Als wir am Hafen ankamen, wo der Frachter ablegen sollte, traf uns der Schlag. Elf andere Obrunis, was für ein Schock! Seit langem habe ich nicht mehr so viele Weiße auf einmal gesehen und dazu noch so viele, die deutsch sprachen. Nachdem wir unser Ticket für die 3. Klasse ergattert hatten, konnten wir nach stundenlangem Warten endlich an Bord der "MV Yapei Queen" gehen. Sofort haben wir uns einen Platz auf dem obersten Deck gesichert und es uns erst mal bequem gemacht. Von dort hatten wir einen tollen Ausblick auf den See und die grün bewaldeten Berge. Die tief stehende Sonne spiegelte sich auf dem Wasser und den dunklen Silhouetten der Fischer in ihren Holzkanus. Die Ausläufer der Berge vielen sanft zum See hin ab und die Spitzen versanken in der Ferne im Nebel.

Nur wenige Minuten nach unserer Abfahrt fing es an zu regnen. Die Tropfen prasselten auf das Wellblechdach und peitschte uns um die Ohren und schon bald lief das Wasser in Strömen über das Deck und graue Regenschwaden hingen in den Bergen. Doch so plötzlich wie es angefangen hatte war es auch schon wieder vorbei. Der Himmel klarte auf und wir konnten die Sonne hinter den Bergen verschwinden sehen. An die Reling gelehnt genossen wir die kühle Nachtluft. Über uns erstreckte sich ein leuchtender Sternenhimmel und unter uns stoben die Funken aus der Schiffsküche in die dunkle Nacht. Es schien als schwebten wir ins dieser nächtlichen Stille und nur vereinzelte, flackernde Lichter am Ufer verrieten dass dort noch andere Menschen waren, im warmen Licht der Lagerfeuer.

Gerade als alles getrocknet war, zog der Himmel zu und ein Unwetter brach über uns herein. In Decken gehüllt saßen wir zusammen, während der Sturm um uns tobte. Nachdem die Fragen, ob wir uns Sorgen machen sollten oder ob der Frachter so eine Art paradaischer Käfig sei, nicht beantwortet werden konnte, konnten wir das Speltakel in vollen Zügen genießen. Der Regen trommelte auf das Dach und übertönte das Trönen der Motoren. Der Donner rollte, Blitze durchrissen die Nacht und zauberten ein Lichtspiel in die Wolken. Immer wieder tauchten im Schein der Blitze die Umrisse einer kleinen Insel aus der Dunkelheit auf und versanken wieder im tiefen Schwarz. Wir wickelten uns noch enger in unsere Decken um uns vor dem Regen zu schützen, der über das Deck fegte und wie feine Nadelspitzen in die Haut drang. So warteten wir, bis der Sturm sich wieder legte.

Ich machte es mir auf der Holzbank so bequem wie möglich und schlummerte langsam ein. Mitten in der Nacht wurden wir erneut vom Regen geweckt und nach und nach verzogen sich alle nach unten ins Trockene, bis nur noch Sarah und ich auf dem Deck waren. Eine Zeit lang blickten wir in die Dunkelheit und hingen unseren Gedanken nach, bis uns der Regen in den Schlaf wiegte und wir erst wieder am späten Morgen erwachten.
Im Laufe des Tages wurden die Berge immer flacher und schmale Landzungen und Inseln verliefen sich mit ihren roten, sandigen Ufern im Wasser. Fischerboote lagen vor den Sandbänken und an Land standen kleine Lehmhütten mit ihren Stroh bedeckten Dächern. An drei kleinen Dörfern legten wir an um Passagiere und Waren an Bord zu nehmen und schon bald verwandelte sich die Ladefläche in einen schwimmende Marktbude. Wir vertrieben uns die Zeit indem wir an Deck saßen, uns unterhielten und ein ums andre Mal das ghanaische Spiel Oware spielten. Dazu aßen wir frische Wassermelone und leckeres Kenkey aus der Schiffsküche.



Da wir trotz Gewitter schnell vorangekommen waren, kamen wir mitten in der Nacht und nicht wie geplant am nächsten Morgen in Yeji an. Für die verbliebenen Stunden lohnte es sich nicht mehr ein Gasthaus zu suchen, deswegen beschlossen wir am Ufer oder auf dem Deck der ankernden Fähre zu schlafen. Dieses Vorhaben wurde uns jedoch schnell von den Dorfbewohnern ausgeredet und letztendlich durften wir im Kino übernachten, gemeinsam mit vier anderen Freiwilligen aus Deutschland und Holland. Simon und Ruben wollten in die gleiche Richtung uns so beschlossen wir die nächsten Tage gemeinsam weiter zu reisen. Am nächsten Morgen aßen wir an einer Bude "Bread and Eg", was auf unserer Reise zum täglichen Frühstück wurde. Nach einem erfrischenden Bad im See wurden wir mit einem Holzkanu auf die andere Seite gebracht und konnten gerade noch die letzten freien Sitze in dem Bus nach Tamale ergattern.


Je weiter wir in den Norden des Landes kamen desto heißer, trockener und staubiger wurde es. Die Straße nach Tamale, eine rote, hubbelige Schotterpiste, führte durch eine weite Baumsavanne mit roter, sandiger Erde. Da der Norden des Landes islamisch geprägt ist, sah man nun in jedem Dorf Moscheen und die eckigen Hütten und Wellblechdächer des Südens wurden von den traditionellen, runden, mit Stroh bedeckten Lehmhütten abgelöst. Auch die Verständigung wurde schwieriger, da viele Leute gar kein oder nur sehr schlechtes Englisch sprachen.




In Tamale schlenderten wir durch die Stadt, gingen über den Markt und stöberten durch die Stände des Souvenir Marktes.Bis spät in die Nacht saßen wir auf der Dachterrasse einer Bar, hoch über den Lichtern der Stadt. Zurück im Gasthaus blieb uns noch genau eine Stunde Schlaf.
Am Tag zuvor wurde uns versichert, dass wir die Tickets erst am nächsten Morgen für den Bus nach Mole kaufen könnten. Als wir jedoch pünktlich um vier an der "Car Station" ankamen hieß es, die Tickets seien alle schon am Vortag ausverkauft worden. Man sollte sich eben nie auf eine ghanaische Zeitangabe verlassen! Letzendlich haben wir doch noch einen Bus nach Damongo bekommen und von dort ein Taxi, das jedoch auf halber Strecke stehen blieb, zum Mole Nationalpark.
Das Mole Motel, in dem wir die erste Nacht unterkamen, liegt auf einem Hügel und dient als Ausgangspunkt für die Safaris. Abends saßen wir auf der Ausichtsplattform, genossen den Ausblick und lauschten dem Zwitschern der Vögel. Vor uns erstreckte sich die Savanne aus Graß, Büschen und niedrige Bäumen und direkt unter uns lag ein großes Wasserloch. In der Trockenzeit kann man von dort Elefanten und anderen Tiere sehen. Die meisten Tiere hatten sich jedoch weiter ins Innere des Parkes zurückgezogen, da es in letzter Zeit öfters geregnet hat. Als wir später im Freien zu Abend aßen, bekamen wir plötzlich Gesellschaft von einem hungrigen Wildschwein.
Am nächsten Morgen standen wir früh auf, um eine geführte Wanderung zum Wasserloch zu machen. Wir sahen Affen, Antilopen, Rehe und Krokodile. Von den größeren Tieren wie Elefanten, Büffel oder Löwen war jedoch nichts zu sehen. Den Tag über vergnügten wir uns am Pool und beobachteten die Affen, die bis zum Hotel kamen um den nichts ahnenden Besuchern des Restaurants ein Häppchen abzuluchsen. Am Nachmittag unternahmen wir eine zweite Safari. Dieses Mal mit dem Auto, um tiefer in Park zu gelangen. Wir saßen auf der Ladefläche des Jeeps und ließen uns den Fahrtwind um die Ohren pfeifen. Rehe, Antilopen und Wasserböcke suchten das Weite sobald sie uns bemerkten und Affen tollten in den Bäumen. Und nicht zu vergessen die Hinterlassenschaften eines Büffels, jedoch weit und breit keine Spur des Verursachers. Gerade als wir auf dem Rückweg waren erhielten wir einen Anruf. Sofort wurde gewendet und in voller Fahrt ging es zurück. Da stand sie auf einem Hügel, die Hauptattraktion des Parks: Mr. Elefant!

Als wir wieder beim Hotel ankamen wurde es schon dunkel und im Schein einer Taschenlampe machten wir uns auf den Weg durch die Savanne zu einer Baumplattform. Es war stockdunkel und wir konnten kaum unsere eigenen Füße sehen. Über uns strahlten die Sterne und zwischen den Bäumen leuchteten die Augen der Tiere hervor, die uns völlig lautlos aus der Dunkelheit beobachteten. Am Baumhaus angekommen machten wir es uns auf den Brettern bequem, aßen Kekse und lauschten den Geräuschen des Waldes. Die Vögel sangen in den Bäumen, aus einem Tümpel drang das Röhren der Frösche und in der Ferne erklang das Heulen der Hyänen. Da unser Guide quer vor dem Eingang lag, das Gewehr im Arm, schliefen wir übertrieben gut bewacht und sicher vor wilden Tieren ein.



Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Larabanga und von dort weiter nach Wa. Während wir auf einer Mauer saßen und Reis aus der Tüte aßen, bekamen wir von zwei kleinen Jungen ein privates Trommelkonzert auf einer Mülltonne dargeboten. 


                                           Ghanas älteste Moschee!
 

                                           Der Chief - Palace! 
 



Nach einer Nacht im Gasthaus fuhren wir weiter nach Wechiau. Dort befindet sich das Hippo Sanctuary, ein Projekt das von den umliegenden Communities gegründet wurde. Durch den Tourismus konnten in den Dörfern Schulen und Brunnen für frisches Trinkwasser gebohrt werden. Von Wechiau ging es mit dem Fahrrad in der prallen Mittagssonne über eine rote, hubbelige Schotterpiste weiter zum Schwarzen Volta, der die Grenze zu Burkina Faso bildet. Dort angekommen unternahmen wir eine Kanutur den Fluss hinunter und schon nach wenigen Minuten sahen wir die ersten Hippos, die faul im Wasser lagen und sich die Sonne auf ihren breiten Rücken scheinen ließen. Zum krönenden Abschluss schwammen wir noch ans andere Ufer und waren für ganze zehn Minuten illegale Einwanderer in Burkina Faso. 


                                Weil die Nächte so heiß sind, wird auf dem Dach geschlafen! 
                                              Die Dusche! Outdoor Bucket Job! 
                                 Ein Ausflug nach Burkine Faso!


Die Nacht verbrachten wir wieder auf einem Baumhaus und fuhren am nächsten Morgen mit dem Fahrrad zurück nach Wechiau. Weil von dort nur sehr selten TroTros fahren, wurden wir von einem Pick-Up nach Wa mitgenommen. Wir drängten uns gemeinsam mit zehn anderen Leuten auf dem Rand der Ladefläche und waren bei den ganzen Hubbeln vollauf damit beschäftigt keinen Abgang zu machen. Ich liebe diese lustige, windige Art des Reisens. 

An diesem Tag wurde unsere Geduld auf die Probe gestellt. Wir mussten acht Stunden im Bus warten bis er endlich losfuhr und als er mit zwei Stunden Verspätung endlich ankam war es mitten in der Nacht. Da alle Gasthäuser schon geschlossen hatten durften wir noch zwei Stunden im Bus schlafen, bevor wir um sechs zum Kulturzentrum gingen. Wir saßen ungefähr 18 Stunden in diesem Bus und haben uns trotzdem kein einziges Mal beschwert. Normalerweise ärgert man sich schon, wenn man eine halbe Stunde auf den Bus warten muss. Wir haben eben doch schon sehr die ghanaische Gelassenheit angenommen. Außerdem gab es vom Fenster aus einiges zu sehen. Immer wieder sieht man in Ghana Leute Medizin auf der Straße verkaufen. Diese hoch angepriesenen Wundermittel sollen andscheinend gegen alles helfen: Mückenstiche, Malaria, Geschlechtskrankheiten und dazu sollen sie auch noch star und schön machen. Aber es wird geglaubt und fleißig gekauft.
                                           Einträchtig beim Mittagessen! 
                                 Die Wundermedizin! 
                                 Das Eis aus der Tüte!
 

Im Kulturzentrum haben wir zwei Musikern getroffen, die wir schon bei unserem letzten Besuch in Kumasi kennen gelernt haben. Nachdem wir gemeinsam "Bread and Eg" essen waren, nahmen sie uns mit in ihr Studio um uns eine ihrer CD's zu schenken.
Von Kumasi ging unsere Reise weiter zum Lake Bosumtwi. Der See liegt in einem malerischen, dicht bewaldeten Krater, der einst durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. Für die Ashati ist der See heilig und den Fischern ist es verboten traditionelle Holzkanus zu benutzen. Stattdessen gehen sie auf flachen Holzbalken fischen und benutzen ihre Hände zum paddeln. Wir liefen am Ufer entlang, bekamen von ein paar Kindern frische Mangos geschenkt, bis wir eine schöne Stelle zum baden gefunden hatten. Als wir Abends am Ufer im Grass saßen, bekamen wir sofort Gesellschaft von den Jugendlichen aus dem Dorf. Gerade als wir es uns zum Schlafen auf der Wiese gemütlich machen wollten, verdunkelte sich der Himmel über dem See. Ein paar Rastas boten uns Unterschlupf in einem verlassenen Hotel. Während das Gewitter um uns tobte, aßen wir gemeinsam Reis und saßen bis spät in die Nacht singend, klatschend und trommelnd auf dem Balkon.
                                           Ein Boot der Fischer am Lake Bosumtwi!
                                  Ein musikalischer Abend!
                                   Picknick am See... 
                                 ... mit leckerem Kekey!
 
Am nächsten Mittag fuhren wir wieder zurück nach Kumasi und von dort weiter nach Accra. Wieder zu Hause fielen wir erstmal wie tot ins Bett um den ganzen Schlaf der letzten Woche nachzuholen. Schließlich haben wir von den zehn Tagen die wir unterwegs waren gerade mal drei Nächte in einem richtigen Bett verbracht. Dadurch haben wir unsere Reisekosten sehr gering gehalten und umso mehr Spaß gehabt. Wir haben uns also erstmal drei Tage ausgeruht, bevor wir zum zweiten Teil unserer Reise aufgebrochen sind.

3. März 2010

Cape Coast, Nationalpark und Kumasi

Im Januar kam Sarahs Mutter zu Besuch und gemeinsam sind wir von Cape Coast über den Kakum-Nationalpark nach Kumasi gereist. Weil wir keine Ahnung hatten wohin wir mussten, haben wir uns erstmal vom TroTro-Fahrer mitten in Cape Coast aussetzen lassen. Um uns irgendwie orientieren zu können sind wir erstmal durch die halbe Stadt zur Küste gelaufen. Ein kilometerlanger, mit Palmen gesäumter Sandstrand mit wunderschönen hohen Wellen. Mit Ausnahme von ein paar Fischern, die ihre Netze singend an Land zogen, war der Strand menschenleer. Nachdem wir unser Gasthaus auf der Karte gefunden hatten, liefen wir den ganzen Weg durch den weichen Sand, die Füße sanft umspült von den schaumigen, kühlen Wellen. Schon bald erreichten wir „Sahralotte“ unser kleines, gemütliches Gasthaus, dass nur 30 Meter entfernt vom Meer lag. An einem kleinen Stand haben wir Waakje (Reis und Bohnen mit scharfem Pfeffer) gekauft und uns zum Essen an den Strand gesetzt. Diese Art zu essen ist absolut unaufwändig , man ist einfach mit der Hand aus der Tüte. Solangsam schmeckt mir das Essen mit Besteck nicht mehr, ich muss also erstmal einen Benimmkurs belegen wenn ich wieder zurück bin! Den restlichen Tag waren wir schwimmen, bis die untergehende Sonne die dunklen Silhouetten der Palmen in rotes Licht tauchte. Auf dem Rücken liegend haben wir die Sterne bewundert und den brandenden Wellen gelauscht. Am nächsten Morgen haben wir Weißbrot und Kakao gekauft und am Strand gefrühstückt. Nach einer Abkühlung im Meer haben wir uns auf den Weg zum „Cape Coast Castle“ gemacht. Diese mächtige Burg mit ihren gewaltigen weißen Mauern wurde einst von den Briten errichtet und gehörte zu den größten Sklavenburgen der Welt. Die Führung war gut gemacht und interessant wenn auch genauso erschreckend. Es war ein beklemmendes Gefühl durch die finsteren, kalten Steingewölbe zu gehen, in denen so viele Menschen auf engstem Raum unter unglaublich grausamen Verhältnissen zusammengepfercht wurden und so viele kläglich umgekommen sind. Bevor man die Sklaven in die Kerker brachte, wurden sie mit glühenden Eisen gebrandmarkt und aneinander gekettet. Monatelang mussten sie ohne Licht und frische Luft ausharren, zum Teil kniehoch in ihren eigenen Exkrementen. Jeder der auf irgendeine Weise Widerstand leistete wurde ohne jegliches Verfahren in die Todeszelle gebracht. In diesem kleinen Raum mussten sie ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Licht und frische Luft gefesselt auf dem harten Steinboden liegen, bis auch der Letzte verhungert, verdurstet oder erstickt war und man ihre Leichen ins Meer warf. Wer diese Zeit überlebte wurde durch die „Door Of No Return“ verfrachtet und unter nicht weniger grausamen Verhältnissen nach Europa und Amerika gebracht. Die wenigen Sklaven, die diese lange Reise überlebten, wurden wie Vieh auf den Märkten an ihre neuen Herren verkauft. Auch wenn es seltsam war auf dem gleichen Boden zu stehen und die selben Wände zu berühren war es doch alles sehr unreal, denn das Erzählte war so entsetzlich grausam, dass es kaum vorstellbar war. An der Wand lehnten Blumenkränze zum Gedenken an die Opfer, unter anderem einer von Barack Obama. In den oberen Stockwerken befanden sich die geräumigen, luftigen Gemächer der Offiziere mit Blick aufs Meer und der Sklavenmarkt. Außerdem befindet sich in der Burg das „Historische Museum für westafrikanische Geschichte“, das größte Museum über die Geschichte der Sklaverei. Am nächsten Tag sind wir in den Kakum-Nationalpark gefahren. Im Gegensatz zum letzten Mal war es richtig leer und angenehm ruhig, weil keine Schulklassen oder Reisegruppe da war. Wir sind wieder über den Canopy Walkway gegangen und haben die Aussicht über den endlosen, grünen, verschlungenen Regenwald genossen. Frische Luft, das Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Grillen und eine vorbeihuschende, grüne Schlange im Gebüsch. Um fünf kam unser „Guide“ der uns auf einer Nachtwanderung und einer Übernachtung im Wald begleiten sollte. Gemeinsam gingen wir zum dem Camp, mitten im Regenwald. Das Camp befand sich auf einer kleinen Richtung und bestand aus einer Ansammlung von fünf Zelten, die verstreut unter den Baumriesen standen. Während wir auf den Einbruch der Nacht warteten, sahen wir hoch oben in den Baumkronen kreischende Affen vorbeihuschen und das Zwitschern der Vögel wurde lauter und vermischte sich mit den Schreien und Lauten der anderen Waldbewohner. Als es nahezu dunkel war machten wir uns, mit Taschenlampen ausgestattet, auf den Weg. Auf engen, verwundenen Pfaden gingen wir durch das schattige Gewirr des Waldes und die Lichtstrahlen der Taschenlampen huschten suchend durch das Gestrüpp und über die riesigen Wurzeln der uralten afrikanischen Bäume. Doch außer einer Riesenspinne, einer Schlange, einer Waldmaus und den Affen bekamen wir keines der Tiere zu Gesicht. Dafür hallten umso mehr Schreie der Baumkatzen und Waldratten durch die Stille, die zum Teil richtig unheimlich nach den Schreien einer Frau klang. Als wir für einen Moment die die Lampen ausschalteten waren wir von einer undurchdringlichen Schwärze umgeben und jedes Geräusch wurde noch lauter und intensiver. Einmal hörten wir ein lautes, tiefes Röhren, dass nach dem Ruf einer der Waldelefanten klang. Als wir den Eingang zum Walkway erreichten baten wir unseren Führer noch einmal die Hängebrücken betreten zu dürfen und dieses Mal unterschied sich von den vorhergehenden. Behutsam, um ja kein Geräusch zu verursachen, gingen wir über die wackligen Bretter bis zu einer der Holzplattformen hoch oben in einer der gewaltigen Baumkronen. Als ich den Kopf in den Nacken legte um zum Himmel aufzublicken, blieb mir der Atem stehen. Über mir erstreckte sich ein endloser, tiefschwarzer Himmel und die unzähligen Sterne leuchteten so unglaublich hell und groß als wären sie zum Greifen nahe. In diesem Moment konnte ich die Schilderungen des afrikanischen Himmels nachvollziehen, denn über mir erstreckte sich der schönste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. So hoch oben in den Bäumen, umweht vom kühlen Nachtwind, hatten ich das Gefühl den ganzen Regenwald für uns alleine zu haben. Leider viel zu schnell mussten wir zum Camp zurück und wieder unter das undurchdringliche Dach aus Blättern abtauchen. Wir saßen noch eine Zeit vor dem Zelt, genossen die friedliche Atmosphäre und lauschten den Geräuschen des Waldes. Sobald ich im Zelt lag, viel ich in einen tiefen, angenehmen Schlaf und erwachte erst wieder als es schon langsam hell wurde. Nach einer einstündigen Führung mit Erklärungen zu den verschiedenen Bäumen und ihren Funktionen kamen wir wieder beim Restaurant an und haben erstmal gemütlich gefrühstückt. Danach sind wir mit dem TroTro zurück nach Cape Coast und von dort weiter nach Kumasi, der kulturellen Hauptstadt Ghanas, gefahren. Die nächsten drei Tage haben wir im Hotel „Sanbra“ gewohnt, das für den Preis richtig luxuriös war, mit DUSCHE, Klimaanlage und Frühstück aus Brot mit Rührei und BUTTER inklusive! Am nächsten Morgen sind wir auf den „Kejetia Central Market“ gegangen, dem größten Mark in ganz Afrika! Der Markt war beeindruckend und ich finde Jojo Cobbinah trifft es gut, wenn er ihn mit den folgenden Worten beschreibt: „Der Central Market ist groß, er ist laut, er ist vital, charmant und hässlich, er ist chaotisch aber er funktioniert ... Spätestens hier zeigt Afrika sein wahres Gesicht: ohne falsche Scham, lebendig und vielfältig.“ Auf einem riesigen Platz drängt sich eine Marktbude an die andere. Sobald man in die Nähe des Marktes kommt findet man sich in einer Menschenmenge wieder, die einen ins Innere des Marktes schwemmt, hinein in die kleinen, verwinkelten Gässchen. Sobald man schneller oder langsamer als der Rest ging, entstand ein Drängeln und Schubsen. Man ist umgeben von einem Meer aus Menschen mit dunkler Haut und kunterbunten Kleidern. Überall wurden uns neugierige Blicke zugeworfen und an jeder Ecke wurden wir von einer der Marktfrauen begrüßt und herzlich willkommen geheißen. Der Markt ist in Abschnitte aufgeteilt in denen Stoffe, Klamotten, Lebensmittel, Metallware und vieles mehr angeboten werden. Die meiste Zeit verbrachten wir bei den Stoffen, die sich in hunderten von Ständen und tausenden Regalen übereinander stapelten. Dieser Teil war zugleich der schönste, bunteste und ruhigste Teil des Marktes. Über den restlichen Markt sind wir nur flüchtig gelaufen. Manche Teile waren so voll und chaotisch, dass man aufpassen musste nicht den Menschen, mit ihren schweren Lasten auf dem Kopf, im Weg zu stehen oder von einem der großen Handkarren überrollt zu werden. Es herrscht eine schöne Atmosphäre auf dem Markt, doch nicht alles ist so vollkommen wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Ecken quellen vor Müll nur so über, die offenen Abwasserkanäle verströmen eine unangenehmen Geruch und auch die Armut in der viele Menschen hier leben wird einem bewusst. Wie so vieles in Ghana hat der Markt zwei Gesichter. Zum Beispiel die atemberaubenden Landschaften und die tollen, gastfreundlichen Menschen auf der einen Seite, die überquellenden Müllberge und die schlagenden Lehrer auf der anderen Seite. Nach ein paar Stunden im Gedränge sind wir in den ruhigen Park des Kulturzentrums geflüchtet. Dort haben wir uns in den Schatten eines Baumes gesetzt, frische Bananen und Kekse gegessen und eiskaltes Wasser geschlürft. Danach haben wir uns die vielen Galerien, Werkstädten und Läden angeschaut. In den Galerien wurden ghanaische Gemälde ausgestellt und gemalt und in den Werkstädten wurden Trommeln, Stoffe,Schmuck und andere traditionelle Kunst hergestellt. Überall bestand die Möglichkeit den Künstlern über den Rücken zu schauen. Am letzten Tag unserer Reise sind wir in das kleine Dorf Bonwire gefahren, indem der Ursprung der Kente-Weberei liegt, dem traditionellen, ghanaischen Stoff der Ashanti. Es war interessant den Webern zuzuschauen, die in ihre hoch komplizierte Arbeit vertieft waren. Nervig waren nur die Männer, die uns ständig in ihre Läden ziehen wollten und einfach nicht verstehen konnten, dass wir uns die Stoffe nicht leisten konnten und einfach nur Interesse an der Herstellung hatten. Im nächsten Dorf sollte laut Reiseführer Glasperlen hergestellt werden, was sich jedoch als falsch herausstellte. Die Fahrt hat sich trotzdem gelohnt, weil es ein schönes, kleines Dörfchen war. Am nächsten Morgen haben wir uns auf die lange Rückfahrt nach Teshie gemacht. Als wir in Accra waren fing es so heftig an zu regnen, dass das Wasser durch das undichte Dach und die Fenster des TroTros strömte. Die Straßen standen unter Wasser und die offenen Abwasserkanäle verwandelten sich in reißende Bäche. Die letzte Strecke sind wir Barfuß gelaufen, weil die Flip-Flops immer wieder im Schlamm stecken geblieben sind. Teilweise standen wir bis zu den Knien im Wasser, da sich die hubbeligen Straßen in eine Pfützenlandschaft verwandelt hatten.Der dunkle Himmel wurde von violetten Blitzen zerrissen und zum ersten Mal hat es richtig gedonnert. Wieder zu Hause haben wir erstmal geduscht um den ganzen Schlamm abzuwaschen.

28. Februar 2010

Weihnachten und Silvester

Seit meinem letzten Bericht sind nun schon mehr als zwei Monate vergangen und es gibt entsprechend viel zu berichten. Ich wollte schon viel früher schreiben aber die Verbindung im Internet-Café ist so langsam, dass ich schon beim E-Mail schreiben verzweifelt bin. Jetzt haben wir wieder Internet und in Zukunft wird regelmäßig berichtet!
Über Weihnachten und Silvester waren Sarah und ich mit Sammy, meinem Klassenkameraden, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kumasi. Zehn Tage haben wir mit seiner Familie in ihrer kleinen Hütte gelebt und eine ganz andere Seite des ghanaischen Lebens kennen gelernt. Einen Tag vor Heilig Abend sind wir um drei Uhr morgens aufgestanden und haben uns mit Rucksäcken und einer Tasche voll Plätzchen bepackt auf den Weg gemacht. Es folgte eine lange aber lustige Fahrt mit vielen Hubbeln in drei verschiedenen Trotros und anschließend zwei Taxis. Der letzte Abschnitt ging nur noch über eine rote, hügelige Schotterpiste umgeben von Bergen, bedeckt mit einem dichten, grünen Wald. Als wir ankamen, wurden wir schon erwartet und herzlich willkommen geheißen. Den restlichen Weg zum Dorf gingen wir zu Fuß auf einem kleinen Pfad durch den Wald. Der Weg schlängelte sich zu Beginn durch eine Orangenplantage an deren Bäumen unzählige, gelbe, duftende Orangen hingen. Dann viel der Weg ab, gesäumt von grünem Gebüsch und Palmen bis zu dem sandigen Ufer des Flusses Pra. Am Ufer angekommen haben wir alle unsere Schuhe ausgezogen und sind durch das angenehm kühle Wasser gewatet, dass mir in der Mitte bis zur Hüfte reichte. Danach liefen wir barfüßig durch einen lichten Wald aus Kakao-Bäumen, unter unseren Sohlen eine weiches Bett aus Blättern. Hinter der Plantage lag ein kleines Dorf aus ungefähr dreißig Hütten, größtenteils aus rotem Lehm. Nachdem wir dem halben Dorf vorgestellt und wieder und wieder willkommen geheißen worden sind, ließen wir das Dörfchen hinter uns und folgten wieder dem schmalen Pfad, hinein in einen Wald aus Palmen. Immer wieder tauchte auf einer kleinen Lichtung eine Ansammlung von zwei oder drei Hütten auf.

Und dann standen wir vor den zwei kleinen Hütten von Sammys Familie, die für die nächsten zehn Tage unser zu Hause waren. Die Wohnhütte bestand aus drei winzigen Zimmern, eines als Wohnzimmer und die anderen als Schlafzimmer. Für unseren Besuch hatten sie ein Zimmer geräumt, auf dessen Fußboden eine Strohmatte lag, die das ganze Zimmer ausfüllte und auf der wir zu dritt gerade so Platz hatten. Die andere Hütte dient als Vorratskammer und vor allem während der Regenzeit als Küche, mit Feuerstelle in der Mitte des Raumes. Da es weder Strom noch Wasser gab, war alles so ruhig und friedlich und es hing ein frischer, feuchter Waldgeruch in der Luft. Ein krasser Gegensatz zu dem lauten, hektischen Chaos der Großstädte. Überall zwitscherten die Vögel und in den hohen Bäumen hingen leuchtend rote Blüten.
Wir saßen auf einer Holzbank im Schatten eines Baumes und sofort stand ein ganzer Korb voll Orangen vor uns. Ich habe noch nie so saftige und süße Orangen gegessen und in kurzer Zeit hatte jeder von uns mindestens zehn Orangen verdrückt. Wir saßen gemeinsam am Feuer, wo „Mama“ jeden Tag leckere ghanaische Gerichte zubereitete. Seit ich in Ghana bin, habe ich noch nie so üppig und köstlich gegessen wie in dieser Woche. Wir saßen gemeinsam im Freien und haben mit der ganzen Familie aus einer Schüssel gegessen, typisch ghanaisch mit der Hand! Neben der Feuerstelle war die Dusche im Freien, ein kleiner Platz umstellt mit Palmwedeln als Sichtschutz. Als wir duschen gingen war es schon dunkel und nur der Mond spendete schwaches Licht. Das kalte Wasser war herrlich und nur wenige Meter entfernt prasselte das Feuer, um das die ganze Familie saß und sich lachend unterhielt. Bis spät in die Nacht saßen wir am Feuer und haben uns mit Händen und Füßen auf Ga verständigt. Im Baum hing das Radio und trillerte munter vor sich hin. Ansonsten war es so still, dass nur das Zirpen der Grillen und die Schreie der Tiere im Wald zu hören waren. Die Nacht war stockdunkel und die Glühwürmchen leuchteten mit den unzähligen Sternen um die Wette. Unsere Hütte! Feuerstelle mit Dusche im Hintergrund! Der Donnerbalken oder "Airport" Jeden Tag sind wir mit Anbruch der Dämmerung, noch vor fünf, aufgestanden und haben den Hof gefegt. Danach haben wir uns auf den Weg zum Wasserloch gemacht. Der Pfad führte durch den Wald und ging die letzten paar hundert Meter bergab und die letzten Meter führten über wacklige Holzbalken. Das Wasserloch lag mitten im Gebüsch und war ungefähr einen Meter breit. Nachdem wir unsere Kanister gefüllt hatten, wurde jedem ein Tuch zwischen Kopf und Kanister geklemmt, für mehr Tragekomfort! Die ersten Meter habe ich ziemlich geschwankt, ich wusste nicht wie schwer 20 Liter sein können, doch mit jedem Tag sah es ein bisschen eleganter aus. Das morgendliche Zähneputzen! Nach dem Frühstück sind wir über den Fluss zu einer der Kakaoplantagen gegangen, wo schon eine Gruppe um einen riesigen Berg Kakaobohnen saß. Grün, gelb, orange und lila lagen sie da, in den Farben von Herbstblättern. Die Bohnen werden mit einer Machete aufgehackt und die weißen, glitschigen Kerne heraus geschabt. Dann kamen wir an die Reihe und haben die Bohnen abgelöst, die mit einer glitschigen Schicht an einer Art Stiel befestigt sind. Indem man sie mit der Hand zusammendrückt, glitschen sie zwischen den Fingern hervor. Bis zum Nachmittag wurde der Haufen immer kleiner, bis auch die letzte Bohne aufgehackt und ausgequetscht war. Dann saßen wir alle gemeinsam auf dem Waldboden und haben Reis gegessen. Jeden Tag waren wir mit Sammy, seinen Brüdern Ima und Isaac und den Jugendlichen aus dem Dorf im Fluss baden, haben Wettschwimmen gemacht, herumgealbert oder mit einer Orange Wasserball gespielt. Einseifen am Fluss! Abends sind wir ins Dorf gegangen und obwohl am 24. noch kein Weihnachten gefeiert wird, ließen die Männer den Palmwein fließen. Weil sie uns zu aufdringlich wurden und man den widerlichen Geruch meilenweit riechen konnte, haben wir uns schnell zur nächsten Gruppe gesellt. Das halbe Dorf hatte sich auf dem Dorfplatz versammelt um einen Film auf dem, vom einzigen Generator angetriebenen, Fernseher zu schauen. Es ist schön dass vieles, was bei uns schon so selbstverständlich geworden ist, hier noch etwas besonderes ist. Wo bei uns jeder alleine vor seinem Fernseher sitzt, wird es hier als Gelegenheit genutzt sich zu versammeln. Die Dorfgemeinschaft ist wie eine große Familie. All das wird verschwinden, wenn es hier in Zukunft Elektrizität geben wird. Am 25. findet das richtige Weihnachtsfest statt. Nach dem Fegen haben wir Sammy's Onkel am anderen Ende der Plantagen besucht. Als wir aus dem tiefen, mit Efeu überwuchertem Wald aus Palme traten, sahen wir zwei kleine Hütten und die Weihnachtsvorbereitungen waren im vollen Gange. In den Bäumen hingen bunte Luftballons und die traditionelle Zeremonie wurde vorbereitet. Sofort wurden Bänke ins Freie getragen und alle setzten sich zu uns. Wir wurden so gastfreundlich behandelt, dass wir fast ein schlechtes Gewissen hatten. Wir bekamen eiskalte Cola und Kekse gereicht, die wahrscheinlich für die Familie gedacht waren. Doch ablehnen war sinnlos und wäre unhöflich gewesen und sie waren glücklich mit uns Weihnachten feiern zu können. Die Männer und Jungen zogen ihre Schuhe aus und stellten sich für die Zeremonie auf. Der Vater hatte ein rotes Tuch umgebunden und begann die Götter und Ahnen anzurufen. Dabei wurden mehrere Sorten hochprozentiger Alkohol auf den Boden geschüttet. Der Mann sprach Ewe, das wie ein melodisches Singsang klang; eine der schönsten Sprachen die ich je gehört habe. Nachdem das Ganze auf der anderen Seite des Hofes wiederholt worden war, zogen sie ihre Schuhe wieder an und gesellten sich zu uns. Jetzt kam der Geisterbeschwörer, nur in ein weißes Tuch gehüllt. Sein Blick war starr in die Ferne gerichtet und er war fast ein bisschen unheimlich. Ein Stuhl wurde uns gegenüber aufgestellt und weißer Puder auf die Sitzfläche und den Boden gestreut, bevor der Mann platz nahm. Es folgte eine komplizierte Begrüßungszeremonie, bevor er die Geister anrief und ebenfalls Alkohol auf den Boden schüttete. Danach wurde der Geisterbeschwörer verabschiedet und verschwand so geheimnisvoll im Wald wie er gekommen war. Eine Ziege wurde herangeführt, die ihr Schicksal zu ahnen schien und jämmerlich schrie. Sie bekam noch ein letztes Mal Wasser gereicht, bevor ihr die Kehle mit einer Machete durchgeschnitten wurde. Der Hals wurde nach hinten gebogen und das heraus spritzende Blut über den Eingang zum Hof verteilt, um Geister fern zu halten. Noch Minuten später zuckte das Schwänzchen und der durchtrennten Luftröhre entwichen röchelnde Geräusche. Als Ex-Vegetarierin war ich erstaunt, dass ich keinerlei Probleme hatte dabei zuzusehen. Ein Feuer wurde entfacht und die komplette Ziege in die Flammen gehalten, bis das Fell abgeschmort war. Dann wurde das verbrannte Fell abgekratzt und die Haut mit Seife sauber geschrubbt. Während wir neben dem Feuer saßen bekamen Zuckerreis und gegrillten Mais zum Essen und nachdem die Ziege ausgenommen worden war wurde extra für uns das „Delikates-Stück“ der Ziege gegrillt. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Herz gegessen! Obwohl wir schon mehr als satt waren, mussten wir später noch Ziegenfleisch essen. Sie waren so unglaublich gastfreundlich und bevor wir uns wieder auf den Rückweg gemacht haben, gab uns der Vater noch einen Rat und seinen Segen mit auf den Weg. Der Weihnachtsbaum! Die Zeremonie! Als wir zurück waren, stand schon das Mittagessen auf dem Tisch und weil er so lecker war aßen wir obwohl wir noch immer satt waren. Den restlichen Tag besuchten wir einen Verwandten nach dem anderen und überall wurden wir mit herrlichen Speisen bewirtet. Nachmittags waren wir schwimmen und danach mussten wir schon wieder essen. Ich war so voll wie noch nie und hatte an diesem Tag mehr als acht Mahlzeiten gegessen. Bevor wir ins Bett gingen saßen wir noch am Feuer und haben geredet und gesungen. Es war ein wunderschönes Weihnachten, wenn auch auf eine ganz andere Art. Am nächsten Tag sind wir mit der ganzen Familie auf eine andere Kakaoplantage gegangen, zu der wir ungefähr eine Stunde durch den Wald laufen mussten. Den Kopf unseres feierlichen Zuges bildete „Papa“, der barfüßig und mit dem dudelnden Radio unterm Arm voranging. Sarah und ich folgten mit viel zu kurzen Hosen von Sammy und ebenfalls barfüßig. Wir müssen einen lustigen Anblick geboten haben in den Dörfern, die wir durchquert haben. Den ganzen Tag haben wir die Bohnen von den Bäumen geschnitten und zusammen gesammelt. Die nächsten Tage haben wir die Bohnen aufgehackt und die Kerne ausgequetscht und sie zum Trocknen zur Hütte getragen. Mehrere Tage werden sie solange in der Sonne gewendet bis sie getrocknet sind. In Säcken verpackt werden sie zur Weiterverarbeitung an die großen Konzerne geliefert. Wenn ihr das nächste Mal Schokolade esst oder Kakao trinkt genießt es, denn es ist eine harte Arbeit! Von den Bäumen geschnitten ... ... entkernt ... ... und getrocknet! An Silvester haben wir uns abends auf den Weg ins Nachbardorf gemacht. Schon auf der Hälfte des Weges konnten wir die laute Musik, das Singen und Klatschen hören. Bevor wir jedoch in die Kirche gegangen sind, haben wir erstmal den einzigen Platz im ganzen Dorf gesucht an dem es Netz gab. Um Punkt elf Uhr saßen wir also in Ghana mitten in einem kleinen Dorf auf dem Boden und haben versucht Verbindung nach Deutschland zu bekommen und durften uns keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig in der Kirche an um den Übergang ins neue Jahr zu erleben. Genau um Mitternacht brachen alle in Jubel aus und jeder schüttelte jedem die Hand um sich ein frohes neues Jahr zu wünschen. Wir wurden herzlich willkommen geheißen und auch uns wurde hundert Mal die Hand geschüttelt. Es war eine schöne Stimmung und alle schienen sich so nahe und vertraut. Danach wurde Sarah aufgefordert ein deutsches Weihnachtslied zu singen, worauf sie „Stille Nacht, heilige Nacht“ zum besten gab und die ganze Kirche zum jubeln brachte! Weil die Kirche bis zum nächsten Morgen gehen sollte gingen wir irgendwann nach draußen. Wir lagen im Gras und haben den Sternenhimmel bewundert und nach Sternschnuppen Ausschau gehalten, bis es zu kalt wurde und wir uns auf den Rückweg gemacht haben. Weil es schon so spät war haben wir beschlossen wach zu bleiben. Wir saßen am Feuer und haben Ima und Isaac geleuchtet, die zu unserem Abschied ein Huhn geschlachtet haben- um vier Uhr morgens. Bis zur Dämmerung saßen wir zusammen und haben uns zitternd an den Flammen gewärmt. Wir waren erleichtert als es langsam hell und wieder ein bisschen wärmer wurde. Noch ein letztes Mal haben wir den Hof gefegt und sind zum Wasserloch gegangen. Im Gegensatz zu meinem wackeligen ersten Versuch sah mein Gang nach dieser Woche fast gekonnt aus! Ein letztes Mal saßen wir alle gemeinsam im Hof unter dem Baum und haben aus einer große Schüssel Reis mit leckerer Soße gegessen. Mit schwerem Herzen haben wir uns von der ganzen Familie verabschiedet, die uns in dieser kurzen Zeit richtig ans Herz gewachsen ist, und haben uns auf die Heimfahrt gemacht. Es war eine tolle Erfahrung und eine wunderschöne Zeit!                                     Orangen ohne Ende!

Wieder in der Großstadt zu sein war ein Schock, nach dieser Woche in der Natur. Alles war viel lauter, hektischer und stickiger, wie wir es davor wahrgenommen hatten. Es war aber auch schön wieder zurück zu sein und alle wieder zu sehen!