14. Dezember 2009

Interschools

Am Freitag hatten wir unser letztes Training und die letzte Besprechung vor den großen Spielen, auf die alle schon so lange hin gefiebert haben. Danach hat jedes Team Schultrikots bekommen und je nach Sportart Knieschützer, Schienbeinschoner, Stollenschuhe usw. Außerdem habe ich den Trainingsanzug der Schule bekommen, den wir alle trotzt Hitze vor und zwischen den Spielen anziehen mussten und auch an den normalen Schultagen tragen können falls es zu „kalt“ sein sollte. Wir konnten also gut ausgerüstet ins Wochenende starten. Am Montag konnte ich sogar bis um halb sechs schlafen, weil wir kein Training mehr hatten. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich irgendwann einmal darüber freuen würde so „lange“ schlafen zu dürfen. An dieser Stelle möchte ich euch meine täglichen Morgenrituale beschreiben. Normalerweise stehe ich um fünf Uhr auf und gehe nach draußen, um den Hof zu fegen. Für den Zeitraum des Trainings habe ich jedoch die Arbeit getauscht, weil ich sonst um vier hätte aufstehen müssen. Danach schöpfe ich Wasser zum Duschen. Obwohl man erst abends geduscht hat, ist man morgens so verschwitzt, dass das kalte Wasser richtig angenehm ist, obwohl man nur eine Stunde später wieder genauso verschwitzt ist. Es ist so warm, dass ich mir nicht vorstellen kann dass bald Weihnachten ist – und es wird immer heißer. In unserem Klassenzimmer ist es aber einigermaßen erträglich, weil wir keine Außenwand haben und ein kühler Wind vom Meer her weht. Unser Klassenzimmer ist überhaupt sehr baufällig und fällt halb auseinander, nicht nur das Gebäude sondern auch die Schulbänke. Vor kurzem ist nachts einer der „Dachbalken“ durchgebrochen und ein Teil des Wellblechdaches ist eingestürzt. Weil das Dach undicht ist, hat der Regen das Holz so aufgeweicht, dass es nur noch morsch ist. Jetzt haben wir also eine ungefähr drei Quadratmeter große Öffnung in der Decke, genau über meinem Platz. Aber wer hat schon das Privileg in seiner Klasse ein „Dachfenster“ zu haben, durch das man den blauen Himmel bewundern kann. Von den anderen wird es als „open top“ oder „airconditioner“ bezeichnet. Jetzt aber zurück zu meinem Morgenritual. Eigentlich muss ich jeden Morgen meine Schuluiform bügeln, deswegen habe ich mich am Montag richtig gefreut einfach nur in meine Sportsachen zu schlüpfen. Weil ich meistens spät dran bin, nehme ich mir nur Brot und einen Wasserbeutel aus der Küche und frühstücke auf dem Weg oder in der Schule. Auch wenn ich denke dass ich zu spät bin, ist Sammy, den ich jeden Morgen abhole, immer noch ein bisschen später dran und trotzdem waren wir noch nie zu spät in der Schule. An diesem Montag wären wir jedoch zu spät gekommen, wenn wir normalen Unterricht gehabt hätten. Auf der Hälfte unseres Weges wurden wir von einem Mann angehalten, der uns seine I.D.-Card unter die Nase hielt und erklärte, dass beim Immigration Office arbeite. Da er meine Schuluniform gesehen hatte, wollte er wissen ob ich hier zur Schule gehe und ob ich die richtige Aufenthaltserlaubnis dafür habe. Weil ich mein Pass nicht bei mir hatte, musste ich ihm meine Handynummer geben und sollte ihn nach der Schule anrufen. Wir haben ihn die nächsten drei Tage nicht mehr gesehen und als wir ihn dann wieder getroffen haben meinte er, dass er mit unsere Headmistress gesprochen und alles geregelt hätte.  Letztendlich waren wir gar nicht viel zu spät in der Schule, weil wir von einem der wenigen Müllautos mitgenommen wurden. In der Schule wurden alle Schüler mit Keksen und Kakao versorgt, bevor wir mit unserem Schulbus nach Accra gebracht wurden. Obwohl der Bus zweimal gefahren ist, war er viel zu klein für alle Spieler, doch das Gedränge und die Hitze konnte die gute Stimmung nicht dämpfen; ganz im Gegenteil. Wer noch nie mit einem ghanaischen Schulbus gefahren ist, kann sich nicht vorstellen wie so eine Fahrt abläuft. Es wird gesungen, geklatscht und getanzt. Die meisten Lieder bestehen aus einer Art Frage- und Antwortgesang, wobei einer etwas singt und alle anderen einstimmen. Das ganze findet in einer solchen Lautstärke statt, dass am Ende dieser drei Tage alle heiser waren. Wo sich bei uns die Busfahrer und Lehrer schon bei der geringsten Lautstärke gestört fühlen, singen die Lehrer hier einfach mit. Weil die ganzen Lieder auf einer der lokalen Sprachen war und ich mir die Texte nicht so schnell merken konnte wurde ich zum Klatschen verdonnert. Mal wieder hat ein klatschender Obruni für Überraschung und Freude gesorgt. Wir hatten Spaß! Das Stadion lag direkt neben dem Flughafen und jeden Nachmittag konnte ich eine Lufthansamaschine starten sehen und natürlich habe ich ihr immer ganz liebe Grüße für euch mitgegeben. Als wir ankamen waren schon ein paar Mannschaften in ihren Trainingsanzügen mit den Farben der jeweiligen Schule da. Insgesamt waren es zwölf Senior Secondary Schools aus Accra und Umgebung. Nachdem alle Mannschaften da waren und auch die anderen Schüler die Tribünen gefüllt hatten, wurde die Begrüßungsrede gehaltn Schule da, ich war jedoch der einzige spielende Obruni und ich war richtig froh, dass wir an dieen und die ersten Spiele angesagt. Es waren noch zwei andere weiße Mädchen aus einer anderesem Tag unsere beiden Spiele gewonnen haben. Damit hatten wir uns für die Finalrunde qualifiziert und mussten erst wieder am Mittwoch spielen. Jede Mannschaft wurde von ihrer Schule angefeuert und es war eine richtig gute Stimmung im Stadion. Jeden Nachmittag wurden wir mit warmem Essen versorgt und auch Wasser wurde allen Spielern kostenlos bereitgestellt. Am Mittwoch haben wir leider unser erstes Spiel verloren und sind somit Dritter geworden. Insgesamt hat unsere Schule richtig gut abgeschnitten und in jeder Disziplin waren wir unter den ersten Drei. Entsprechend wurde am Mittwochabend gefeiert und auf der Rückfahrt war es noch lauter und lustiger im Bus als die letzten Tage. Zum Abschluss haben sich alle Mannschaften auf dem Fußballplatz versammelt und hinter dem jeweiligen Schulbanner aufgestellt. Nach einer Abschlussrede wurden die Ergebnisse verkündet und die Mannschaftsführer mussten nach vorne gehen um die Urkunden in Empfang zu nehmen. Als unser Volleyballteam aufgerufen wurde, haben mich alle dazu gedrängt unsere Urkunde abzuholen und weil sogar unsere Headmistress mich hergewunken hat, konnte ich mich nicht weigern. Die drei Tage haben wirklich Spaß gemacht und das Training hat sich gelohnt, schade ist nur dass wir jetzt erstmal kein Volleyball mehr spielen.

19. November 2009

Neues aus der Schule

Hallo ihr Lieben, es ist allerhöchste Zeit mal wieder zu schreiben. Schon seit Wochen nehme ich es mir vor, aber ich bin einfach nie dazugekommen. Jetzt bin ich schon mehr als drei Monate in Ghana und ich habe mich so eingelebt, dass ich ab und zu ganz vergesse, dass ihr auf meine Berichte wartet. Die Schule hat sich richtig eingespielt und nimmt unter der Woche meine ganze Zeit in Anspruch und auch am Wochenende bin ich entweder unterwegs oder im Haus beschäftigt. Jedenfalls gibt es wieder mehr als genug zu berichten. Vor ungefähr zwei Monaten hatten wir unsere „Interhouses“ in der Schule, bei denen die vier Häuser in Volleyball, Fußball, Handball und Tischtennis gegeneinander angetreten sind. Drei Tage ist der ganze Unterricht ausgefallen und alle die nicht gespielt haben, standen an Rand um ihr jeweiliges Haus anzufeuern. Weil ein Tischtennisspieler ausgefallen ist, bin ich für das grüne Haus „Quei“ angetreten und siehe da, zur Überraschung von allen hat Obruni sogar Silber geholt. In der nächsten Woche wurden in der Schulkirche die Ergebnisse verkündet und die Spieler genannt, die für das Training ausgewählt worden waren. Obwohl ich Tischtennis gespielt habe, durfte ich noch zum Volleyball wechseln. Seitdem heißt es für mich jeden Morgen um halb fünf aufstehen und um sechs in der Schule sein, um drei Stunden zu trainieren. Jeden Tag fallen deswegen die ertsen zwei Stunden für uns Weg, was sehr angenehm ist, weil sich neuen Stunden Schule doch ziemlich hinziehen können. Meine erste Pause fällt dadurch aber auch immer weg, weil ich die ganzen Aufschriebe kopieren muss. Durch das Training sind wir auch vom allmorgendlichen Fegen und von den Assemblies befreit. Bevor wir mit dem Volleyballtraining beginnen findet erstmal das „General Warm-Up“ statt, was eher einem Krafttraining gleicht. Eine Stunde Joggen, Zirkeltraining, Dehnen, Liegestützen, Situps... Der sandige Boden erschwert das ganze nochmal, deswegen hatte ich die ersten Tage regelmäßig Muskelkater, aber auch das ging schnell vorbei. Außerdem ist es gut sich auspowern zu können, bevor man den Rest des Tages auf der unbequemen Schulbank sitzt. Das Volleyball spielen macht wirklich Spaß, vor allem weil ich eine tolle Mannschaft habe und dadurch auch viele Leute aus den anderen Klassen kennen gelernt habe. Traurig ist, dass die Lehrer sogar beim Training mit ihrem Stock am Spielfeldrand stehen und ihn auch benutzen, obwohl doch alle Spieler freiwillig da sind. Die Alternative zum Stock sind Runden laufen oder Liegestützen, was ich für deutlich sinnvoller halte, wenn schon Strafen sein müssen. Die letzten Tage war keiner der Lehrer da und ein Schüler hat das Training übernommen, was die Stimmung deutlich entspannt hat und trotzdem haben alle ernsthaft mitgemacht. Ich finde das zeigt, dass es auch ohne geht. Bevor wir alle wieder unsere wunderschöne Schuluniform anziehen und in unsere Klassen gehen, kommen alle zusammen um zu beten. Leider trainieren wir nur noch diese Woche, weil nächste Woche die „Interschools“ stattfinden , auf die alle Schulen seit Wochen hin trainieren. Nächste Woche werden wir von Montag bis Mittwoch jeden Tag zu einem Stadion in Accra fahren, wo die Spiele stattfinden werden. Für diese drei Tage fällt wieder der ganze Unterricht aus, damit alle Schüler ins Stadion kommen können um ihre Schulen zu unterstützen. Obruni wird auf jeden Fall wieder für Aufregung sorgen und ich hoffe dass ich mich nicht allzu blöd anstelle, weil ich ohne Zweifel unter ständiger Beobachtung stehen werde. Ich werde euch berichten und hoffe dass ich auch Bilder machen kann. Ansonsten geht die Schule gut voran und in einem Monat haben wir Weihnachtsferien, was auch allerhöchste Zeit wird, da wir seit den Sommerferien hatten wir bis auf ein verlängertes Wochenende durchgehend Schule. Der Unterricht ist ungefähr mit dem in Deutschland zu vergleichen, obwohl hauptsächlich Frontalunterricht stattfindet und Gruppenarbeit oder ähnliches so gut wie unbekannt ist, was bei einer Klasse mit 60 Schülern auch nicht verwunderlich ist. Es gibt aber wie immer Lehrer die eine Ausnahme darstellen und trotz der Größe der Klasse einen sehr guten und interessanten Unterricht machen. Meistens werden jedoch nur Texte diktiert und erklärt, die zu Hause gelernt werden müssen und in der nächsten Stunde entweder mündlich oder in einem Test abgefragt werden. Das ghanaische Englisch macht mir keine Probleme mehr, dafür verstehe ich in den Ga Stunden nicht wirklich viel, weil alle die Sprache schon sprechen und der Unterricht deshalb nur auf Ga ist, ohne englische Übersetzung oder Erklärung. Deswegen nutze ich die Zeit immer um alleine Ga zu lernen und es wird immer besser, obwohl die Sprache doch nicht so einfach ist, wie ich am Anfang gedacht habe. Meine Klasse ist echt toll und ich habe so viele nette Freunde gefunden, mit denen ich auch am Wochenende etwas unternehme. Das einzige was mich regelmäßig wütend macht, ist dieses „caning“, was deutlich schlimmer ist wie ich erst angenommen habe. In den ersten Tagen habe ich gedacht, dass es meistens nur bei der Androhung bleibt, was aber auf gar keinen Fall so ist. Ganz im Gegenteil, seit der Unterricht richtig angefangen hat kommt es mir so vor, als ob die Lehrer jede Gelegenheit nutzen, um ihren Rohrstock benutzen zu können, egal ob es wegen Zuspätkommen, Reden oder einer falschen Antwort auf eine Frage ist. Jedes Mal erde ich so wütend und würde dem Lehrer am liebsten den Stock aus der Hand reißen und in in der Mitte entzwei brechen, wenn es nur etwas bringen würde. Das einzige was ich machen kann, ist den Lehrer böse anzuschauen, was er wahrscheinlich nicht einmal mitbekommt. Am traurigsten macht mich die Reaktion der Klasse, die das alles so gleichgültig nimmt und jedes Mal lacht, wenn ein Schüler geschlagen wird. Wie soll sich den je etwas ändern, wenn sich nicht mal die Schüler dagegen wehren und den Lehrern dadurch auch nicht gezeigt wird, dass es nicht richtig ist. Aber wie kann es anders sein, wenn schon die kleinsten Kinder damit aufwachsen und nichts anderes gewöhnt sind. Es gibt natürlich auch Ausnahmen und richtig nette Lehrer, die nicht ständig zeigen müssen dass sie etwas besseres sind. Aber wenn man bedenkt, dass es auch bei uns nicht sehr lange her ist dass die Prügelstrafe abgeschafft wurde, bleibt noch Hoffnung dass auch in Ghana irgendwann ein Gesetz dagegen erlassen wird. Davor muss sich jedoch erst einmal die Einstellung in der Bevölkerung dazu ändern, da es so tief in den meisten Menschen verwurzelt ist und auch noch in vielen Familien üblich ist. Gestern kam unser „Social Studies“ in die Klasse und hat uns erstmal alle aus dem Klassenzimmer geschickt. Danach hat er jeden Schüler einzeln herein gerufen und eine Frage gestellt und dass in so einer arroganten und eingebildeten Art, die mich noch wütender gemacht hat. Diejenigen die sie richtig beantworten konnten durften sich hinsetzten, alle anderen mussten sich in die Ecke stellen. Großzügig wie er war, durften sie sich sogar aussuchen, ob sie ihm ihr Handfläche oder den Hintern hinhalten wollten. Danach meinte er dann, dass er uns nicht bestraft sondern nur geholfen hätte, was von der Klasse mit einem einstimmigen „Yes Sir!“ beantwortet wurde. Ironischerweise setzte er seinen Unterricht danach mit einer Erklärung zu den Menschenrechten fort. Trotz alledem gehe ich gerne in die Schule und ich weiß auch, dass ich mich nicht ein ganzes Jahr darüber aufregen kann. Ein richtiger Pluspunkt ist die Schulkantine, die richtig leckeres Essen macht. Sie besteht aus fünf Ständen an denen man Kenkey, Fufu, Banku, Waakje und Reis kaufen kann. Mein Lieblingessen ist Kenkey, ein säuerlich schmeckender Maisklos der in Maisblätter gewickelt wird und mit Pfeffer und getrocknetem oder geräuchertem Fisch gegessen wir und einfach nur köstlich scmeckt, auch wenn ich einige Zeit gebraucht habe um mich an den Geschmack zu gewöhnen. Für das komplette Essen zahle ich gerademal 30 Cent.

Ganz liebe Grüße aus dem heißen Ghana!

14. November 2009

The Bridge

THE BRIDGE – EARLY CHILDHOOD DEVELOPMENT CENTRE Das jüngste Projekt des Deutsch Ghanaischen Entwicklungshilfevereins ist THE BRIDGE, ein Kindergarten und eine Vorschule in dem Neubaugebiet von Teshie, nur wenige Minuten von unserem Haus entfernt. Durch die starke Landflucht, gibt es zu wenig öffentliche Schulen und Kindergarten oder zumindest keine die von allen bezahlt werden können. Das Ziel des Vereins ist es so vielen Kindern wie möglich, wenigsten eine Grundasubildung bis zu dem mit unseren Hauptschulen vergleichbaren Abschluss, zu ermöglichen. Nach langen Verzögerungen ist das Schulgebäude jetzt nahezu fertig. Durch den starken Regen mussten die Arbeiten für Wochen eingestellt werden und ein Teil des Gebäudes ist eingestürzt, was auch die erwarteten Baukosten in die Höhe getrieben hat. Jetzt hat die Schule seit ungefähr einem Monat angefangen und so langsam werden es immer mehr Kinder. Das einzige was zur Zeit noch fehlt, ist ein Stromanschluss und Wasserzugang. Um auf die Dauer Kosten zu sparen und damit die Schulgebühren so gering wie möglich zu halten, soll ein Brunnen mit Zugang zum Grundwasser gebohrt werden. Das größte Problem ist die Armut und dadurch die vielen Kinder, deren Eltern die eigentlich sehr geringen Schulgebühren nicht bezahlen können. Es macht einen traurig, morgens in seiner Schuluniform zur Schule zu gehen und all die kleinen Kinder zu sehen, die eigentlich auch auf dem Weg zur Schule sein sollten. Stattdessen verkaufen sie Orangen, Wasser oder kassieren das Fahrgeld in den Trotros, dabei sind viele von ihnen nicht mal zehn Jahre alt. Einem Teil von diesen Kindern soll in THE BRIDGE geholfen werden. Sie müssen zumindest am Anfang unterstützt werden, damit die Mütter entlastet werden und arbeiten gehen können, um irgendwann selber für die Schulgebühren aufzukommen. Am besten wäre es Paten zu finden, die diese Kinder bis zum Hauptschulabschluss oder idealerweise bis zur Senior Secondary School unterstützen können. Als Beispiel möchte ich von Shiba, einem Mädchen aus unserem Kindergarten, erzählen. Ihr Vater ist arbeitslos und trinkt regelmäßig und ihre Mutter muss von früh morgens bis spät in die Nacht arbeiten. Als Shiba ihre neue Schuluniform anziehen sollte, hat sie so gezittert, vielleicht aus Angst, sie bald wieder zurückgeben zu müssen. Sie musste schon mehrmals den Kindergarten wechseln und damit auch ihren gerade neu gewonnenen Freundeskreis. Sobald die Erzieher nach ein paar Wochen gemerkt haben, dass ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können, musste sie wieder gehen. Bis sie zum nächsten Kindergarten angemeldet wurde und dort solang bleiben konnte, bis festgestellt wurde, dass sie kein Geld für Shiba bekommen würden. Dieses hat jetzt zum Glück ein Ende für Shiba, da sie erstmal von Rose unterstützt wird, bis ein Pate für sie gefunden wurde oder bis ihre Mutter das Geld aufbringen kann. Am Anfang war Shiba so schüchtern und still, doch mit der Zeit ist sie richtig aufgetaut. Jetzt tollt sie mit den anderen Kindern herum und sie ist eine der fleißigsten Schüler. Doch Shiba ist kein Einzelfall und es kommen immer mehr Kinder, doch es macht einem Hoffnung, dass wenigstens ein paar Kindern eine bessere Zukunft durch eine Schulausbildung gegeben werden kann.

Das Schulgebäude

Shiba beim Tanzen

Der Sandkasten

Das gemeinsame Mittagessen

Die Schuluniform

Kleine Tanzeinlage

11. Oktober 2009

Partukorpe

Am letzten Dienstag war ich wieder nicht in der Schule. Schon früh morgens sind wir aufgebrochen um nach Partukorpe zu fahren, dem kleinen Fischerdorf in der Nähe von Ada, von dem die meisten von euch wahrscheinlich schon gehört haben. Nach mehreren Stunden im Trotro und einer anschließenden Taxifahrt, sind wir in Partukorpe angekommen. Auf dem Weg fährt man durch eine endlos weite, steppenähnliche Graslandschaft, die sich in Grün- und Gelbtönen zu beiden Seiten der Straße erstreckt. Zwischendrin stehen vereinzelt niedrige Bäume und immer wieder erheben sich rote Termitenhügel aus dem Boden. Alles ist ruhig und menschenleer und nur ab und zu sieht man die traditionellen Hütten eines kleinen Dorfes. Sobald man durch einen Ort fährt, wird es lauter, hektischer und voller. Verkäufer stürzen an das Auto, um ihre Waren anzupreisen und von jeder Ecke tönt Musik. Sobald man in die Nähe der Küste kommt, werden die niedrigen Bäume von majestätisch in den blauen Himmel regenden Palmen abgelöst. Die asphaltierten Straßen gehen in unbefestigte Straßen aus roter Erde über und die Schlaglöcher und Hubbel nehmen zu. Partukorpe ist einfach traumhaft und es würde einem nicht schwer fallen, bei dieser Idylle, die Armut der Menschen zu vergessen, die hier leben. Alles erscheint so friedlich und angenehm ruhig, was zum Teil daran liegt, dass es hier keinen Strom gibt. Ich habe soviel über Partukorpe geschrieben und erzählt, aber alles war mal wieder ganz anders, wie ich es mir vorgestellt habe. Partukorpe ist ein kleines, abgelegenes Dorf, direkt an der Küste. Die traditionellen, eckigen Lehmhütten mit ihren Dächern aus getrockneten Palmwedeln standen in Gruppen zusammen, die zum Teil von einem Zaun aus ebenfalls getrockneten Palmwedeln umschlossen. Sobald wir das Dorf betreten haben,wurden wir sofort herzlich willkommen geheißen und es wurden Stühle im freien aufgestellt. Nach der Tradition wird dem eine Schale mit Wasser gebracht, die von dem Gast dankend entgegen genommen und in verschiedene Richtungen auf die Erde geschüttet wird. Wir saßen im Schatten der Palmen, während vom Meer ein angenehm kühler Wind wehte. Die schöne, friedliche Stille wurde nur von dem Rauschen der brandenden Wellen durchbrochen. Das Dorf ist von sandigen Feldern umgeben, die von harter Arbeit unter glühenden Sonne zeugen. Der Hauptverdienst der Menschen hier, kommt jedoch von der Fischerei. Der Strand liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Ein langer, weißer, menschenleerer Sandstrand erstreckt sich so weit das Auge reicht. Die ganze Küste entlang stehen die riesigen Palmen, die in den blauen Himmel ragen. In anderen Worten: Der Strand ist einfach traumhaft und wie aus der Werbung. Richtig schwimmen konnte man allerdings nicht, da die hohen Wellen so eine Kraft hatten und so ein starker Sog entstand, dass man sich richtig dagegen stemmen musste. Am Strand lagen die traditionellen Holzboote, in deren Schatten die Fischer ihre Netze flickten. Wegen dem langen Rückweg hatten wir leider keine Zeit am Strand entlang zu wandern. Während wir mit ein paar Männern aus dem Dorf auf einer Bank saßen und auf ein Taxi gewartet haben, wurden uns frische Kokosnüsse angeboten. Wenn man die Kokosnüsse an der richtigen Stelle spaltet entsteht eine kreisrunde Öffnung, aus der man die köstliche kalte Flüssigkeit schlürfen kann und später das weiße Mark heraus kratzen kann. Sofort hatte sich eine Gruppe um uns versammelt, die den weißen beim Kokosnuss essen zuschauen wollten. Wenn hier jemand ein Handy oder Radio besitzt ist es sein ganzer Stolz, der allen zur Schau getragen wird. Außer ein paar Taxis sieht man hier so gut wie keine Autos, dafür aber umso mehr Motorräder, die bis zu vier Leute gleichzeitig transportieren. Es muss toll sein hier mit dem Motorrad über die langen roten Straßen fahren zu können, zu zelten und anhalten zu können wann immer wann will. Fast hätten wir die Möglichkeit gehabt ein Stück von einem Motorradfahrer mitgenommen zu werden. Auf dem Rückweg haben wir hunderte von Schulkindern am Straßenrand gesehen. Jeden Tag nehmen den stundenlangen Fußmarsch auf sich, um zur Schule gehen zu können. Wer hier ein Fahrrad besitzt hat ein wirkliches Privileg und jedes Fahrrad wurde mindestens von zwei Kindern benutzt.

An dieser Stelle darf ich nochmal allen Schülern und Sponsoren ganz herzlich von Rose danken, die unglaublich dankbar und überwältigt von dem Ergebnis des Spendenlaufes war und sich schon zum hundertsten Mal bedankt hat.

Die Bewohner von Partukorpe wussten noch nichts von dem Geld und ich habe auch nicht gefragt, weil ich nicht wusste ob sie es ihnen erst sagen wollen, wenn sie mit den Arbeiten weitermachen können. Ein anderes Projekt des Deutsch - Ghanaischen Entwicklungshilfevereins ist ein Kindergarten und eine Vorschule in dem Neubaugebiet von Teshie, in dem wir wohnen. Durch die Landflucht wächst dieses Neubaugebiet so schnell, dass die Leute mit dem Ausbau der Infrastruktur nicht nachkommen. Die Straßen sind schlecht, der Strom fällt immer wieder aus und seitdem ich hier bin gibt es nur manchmal fließen Wasser mitten in der Nacht. Außerdem gibt es zu wenig öffentliche Schulen und Krankenhäuser. Gerade wird ein großes, öffentliches Krankenhaus in Teshie gebaut, das von Chinesen finanziert wird. Der Kindergarten sollte eigentlich schon im September fertiggestellt werden. Wegen dem starken Regen wurde jedoch ein Teil wieder zerstört und die Arbeiten konnten nicht fortgesetzt werden. Jetzt ist das Gebäude fertig und es wird nur noch gestrichen und geputzt. Im letzten Monat hat der Kindergarten schon mit ein paar Kindern in unserem Haus begonnen und bald können sie in das richtige Gebäude umziehen. Dann werden es auch schnell mehr Kinder werden.

Weil Rose zur Zeit jeden Tag mit dem Kindergarten beschäftigt war, hatte sie keine Zeit für das Projekt in Partukorpe. Im April wird sie erneut nach Ghana kommen und dann werden wir uns intensiv um die Fertigstellung des Mehrzweckgebäudes in Partukorpe kümmern. Rose wird dann für einen Monat in Partukorpe leben, um die Arbeiten zu überwachen und sie hat mir angeboten mitzukommen. Ich hoffe dass ich wirklich die Möglichkeit bekommen werde dort für eine Zeit zu leben, um einen Eindruck von dem Leben der Menschen dort zu bekommen. Ich werde euch auf jeden Fall berichten und auf dem Laufenden halten.

Akosombo

Obwohl es jetzt schon wieder zwei Wochen her ist, möchte ich euch von unserem Ausflug zum Volta-Stausee erzählen. Da wir schon morgens losgefahren sind, hieß es für mich einen Tag schulfrei. Die langen Fahrt führte durch eine wunderschöne Landschaft, die immer wieder von flachen Graslandschaften zu dichten, grünen Palmwäldern wechselte. Das Hauptziel unseres Ausfluges war der Akosombo-Staudamm, den man nur mit einer Führung besichtigen kann. Der Akosombo-Staudamm staut den Volta zu dem größten künstlichen Stausee der Welt. Der See liegt eingebettet in die schönen Akwamu-Berge, deren grün bewaldete Ausläufer zum See hin abfallen und in der Ferne am hinteren Ende des Sees nur noch in einem nebligen Blau erscheinen. Der Volta-Stausee entstand durch den Bau des Akosombo-Staudammes, dem größten und teuersten Bauprojekt Ghanas, das nur mit der Unterstützung anderer Länder realisiert werden konnte. Vor der Überflutung des Landes mussten tausende Menschen ihre Orte verlassen und in neu errichtete Orte umsiedeln. Der Hauptzweck des Staudammes ist die Stromgewinnung, die 80% des Strombedarfs in Ghana abdeckt und zum Teil in die umliegenden Länder exportiert wird. Trotz der Größe des Staudamms ist es beeindruckend, dass er diesen gewaltigen Wassermassen standhalten kann. Der Staudamm dient aber auch als Hochwasserschutz und sobald der Wasserspiegel eine bestimmte Höhe übersteigt werden Schleusen geöffnet, die einen Teil des Wassers ableiten und den Staudamm vor dem Durchbrechen schützen. Seit dem Bau des Staudammes ist der Volta-See das ganze Jahr über schiffbar und der Fischreichtum hat zugenommen. Der Bau des Staudammes hat aber auch schlechte Nebenwirkungen mit sich gebracht: Es regnet weniger und zwei gefährliche Krankheiten, die Flussblindheit und die Wurmkrankheit Bilharziose haben sich schnell ausgebreitet. Der Staudamm hat sechs Generatoren, die je nach Bedarf alle oder nur zum Teil in Betrieb sind. Durch große Rohre stürzt das Wasser über hundert Meter in die Tiefe, bevor es hinter dem Staudamm wieder dem Volta zugeführt wird und dann bis zum Meer fließt.  Nach der Besichtigung des Staudammes hatten wir leider keine Möglichkeit weiter die Umgebung zu erkunden, da es nicht erlaubt ist sich ohne Begleitung in diesem Gebiet aufzuhalten. Deswegen sind wir auf einer anderen Straße weiter am Volta-See entlang gefahren. Am Ufer lagen zahlreiche kleine Dörfer aus den traditionellen Lehmhütten. Durch Ray haben wir die Möglichkeit bekommen den Frachthafen besichtigen zu können. Von hier legen täglich Frachtschiffe und Fähren ab, die Waren und Personen über den Volta transportieren. Es besteht die Möglichkeit für eine Woche auf einem Frachter den Volta hinauf und wieder herunter zu fahren. Vielleicht bekomme ich ja die Möglichkeit und Zeit dafür. In der Reederei lag gerade das Hospital-Ship zur Wartung. Es fährt die zahlreichen Dörfer am Ufer des Voltas ab um die kranken Menschen zu behandeln. Da die Dörfer so abgelegen sind, haben die Menschen dort keinen anderen Zugang zu einer ärztlichen Behandlung.  Nach der Besichtigung sind wir weiter am Volta entlanggefahren und wieder durch Ray haben wir die Chance bekommen in einem Dorf mit einem der Fischerboote hinaus zu fahren, wenn auch nicht zum Fischen. Es war großartig mal wieder in einem Kanu zu sitzen und zu paddeln, obwohl das Kanu in keiner Weise mit irgendeinem der Kanus zu vergleichen war, in denen ich je gesessen habe. Der Boden des Bootes war so löchrig, dass wir ständig damit beschäftigt waren das Wasser wieder heraus zu schöpfen. Das eine Weiße paddeln kann sorgte für Verwunderung und Amüsierung bei den Fischern. Überhaupt ist es sehr interessant, welche Vorstellungen manche Ghanaer von uns Weißen haben und ich bin froh dass ich sie wenigstens ab und zu von dem Gegenteil überzeugen kann. Obwohl es Mittags war waren alle Kinder im Dorf, da es wahrscheinlich keine erreichbare oder bezahlbare Schule für sie gibt. Die Menschen hier leben vom Fischfang und obwohl es hier viele Fische gibt, leben die die meisten in Armut und auch ihre Kinder werden wahrscheinlich ohne eine Schulausbildung keine anderen Zukunftschancen haben. Trotz all der Armut in der so viele Menschen leben, habe ich noch nie so fröhliche, offene und freundliche Menschen getroffen wie hier in Ghana.

4. Oktober 2009

Schule

Aus meinen ersten Schultagen sind jetzt schon drei Wochen geworden und noch immer hatte ich keine Zeit darüber zu berichten, obwohl es wieder so viel zu erzählen gibt. Durch die Schule sind meine Tage ziemlich ausgefüllt, deswegen habe ich eigentlich nur am Wochenende richtig Zeit. Dafür, dass es mir in Deutschland schon schwer fällt um sieben Uhr aus dem Bett zu kommen, fällt es mir erstaunlich leicht jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen. Obwohl mich hier niemand weckt, habe ich bis jetzt noch nicht verschlafen, was ich auch versuche beizubehalten, denn so dehnbar der Zeitbegriff der meisten Ghanaer ist, umso genauer wir die Pünktlichkeit in den Schulen genommen. Die erste Woche war jedoch eine Ausnahme, da weder alle Schüler noch alle Lehrer da waren und auch kein Unterricht statt fand. Deswegen kam Olivia auch nicht wie verabredet um sechs sonder regelmäßig eine Stunde zu spät. Ich hatte also immer genügend Zeit um gemütlich auf der Terrasse zu sitzen und Tee zu trinken. Bis zur Schule brauche ich zwischen einer halben und einer Stunde, je nachdem von wo aus wir ein Trotro nehmen. Wenn gerade eine Trotro vorbeikommt, dass auch noch in die richtige Richtung fährt, können wir gleich in der Nähe von unserem Haus einsteigen. Sonst müssen wir ungefähr eine halbe Stunde laufen, bis zu der nächsten größeren Trotro-Sammelstelle. Da es hier keine Straßennamen gibt oder sie zu mindestens nicht benutzt werden, heißen hier alle Ortsteile nach einem Gebäude, z.B einer Kirche, einem Laden oder einer Schule. Das richtige Trotro erkennt man an dem, vom Fahrer oder Kassierer gerufenen Namen des jeweiligen Fahrtziels. Je nachdem von wo aus wir fahren, zahle ich zwischen 10 und 20 Cent pro Fahrt. In jedem Trotro fährt ein „ Mate“ mit, der für das einsammeln des Geldes und das Rufen des Fahrtziels zuständig ist. Bis zur Schule müssen wir dann nochmal ungefähr 15 Minuten laufen. Mit meiner Schuluniform falle ich noch mehr auf als sonst, was manchmal ziemlich anstrengend wird. Aber auch daran habe ich mich so langsam gewöhnt. Überall hört man „Brofonio ya skul“, was in Ga „ein Weißer geht zur Schule“ bedeutet. Alle fragen mich wie ich heiße und ob ich Ga verstehe, was ich inzwischen auch schon in Ga beantworten kann und bei allen Freude auslöst. So langsam scheint die halbe Stadt meinen Namen zu kennen, was zum Teil ziemlich peinlich ist, weil ich mich an die meisten Leute gar nicht mehr erinnern kann. Deswegen bin ich dazu übergegangen einfach immer und alle freundlich zu grüßen. Ältere Menschen zu begrüßen, ist eine Frage von Respekt. Gestern hat mich ein Junge auf der Straße mit meinem Namen angesprochen, der mich noch nie gesehen hat. Anscheinend hat ihm ein Freund aus meiner Klasse von mir erzählt. Seitdem ich immer mit jemand unterwegs bin, der Twi oder Ga versteht, bekomme ich erst etwas von den ganzen Heiratsanträgen mit, die mir auf meinem Weg gestellt werden. Ständig werde ich von jemand am Arm festgehalten oder mir wird plötzlich die Hand geküsst. Wie ihr seht werde ich jeden Tag aufs neue überrascht. Der „FC Bayern-München“ scheint hier richtig bekannt zu sein, denn bis jetzt habe ich schon mehrere Jugendliche in Bayern Trikots gesehen und auch in der Schule wurde ich schon danach gefragt. Neben den ganzen Aufschriften auf den Trotros wie „God is great“, „With God everything is possible“ oder „Devil is a liar“ habe ich auch ein Trotro mit dem Aufdruck eines Deutschen Weinguts gesehen und auch die „Böhsen Onkelz“ waren auf einem Taxi vertreten. Ein bisschen nervig ist, dass viele Leute wenn sie etwas über mich wissen wollen, nicht mich sondern denjenigen fragen, der gerade neben mir läuft. Und ein bisschen frustrierend ist auch, dass ich meistens nur das Wort „Brofonio“ verstehe und weiß dass über mich geredet wir, aber nicht was. Anderseits ist es aber auch ein Ansporn die Sprache um so schneller zu lernen und ich merke auch, dass ich immer mehr verstehe. In der Schule habe ich die ersten Tage ziemlich für Aufregung gesorgt, als erste Weiße, die diese Schule besucht. Die ganze Aufmerksamkeit hatte aber auch den Vorteil, dass ich viele Leute kennen gelernt und schnell Freunde gefunden habe. Meine Mitschüler sind alle richtig nett und so langsam hat sich zumindest meine Klasse an mich gewöhnt. Meine Haare und meine Haut werden nicht mehr so oft angefasst und auch nach meinem Namen wird nicht mehr gefragt, weil ihn jeder kennt. Überall wo man vorbeikommt geben die Menschen einem ghanaische Namen und in der Schule ist mein neuer Name „Akos“, dem Ga-Namen für Sonntagskinder. Ständig werde ich von irgendeinem Lehrer oder Schüler hergerufen und alle wollen, dass ich jeden Tag komme, um sie zu begrüßen, was ich allerdings nicht ganz einhalten kann. Die Lehrer sind, mit ein paar Ausnahmen, echt freundlich. Es gibt aber auch solche Lehrer, die die ganze Zeit über zeigen müssen, dass sie hier das sagen haben und dass mit „I will punish you“ oder „I will cain you“ deutlich machen. Obwohl es den Lehrern in Ghana verboten ist die Schüler zu schlagen, ist es noch fest in den Vortsellungen verankert und wird auch von den meisten Schülern als selbstverständlich angesehen. Es gibt die Lehrer, die in jedem Unterricht ihren Stock dabei haben und solche die weder Strafen noch Schläge androhen. Letztere machen meiner Meinung nach einen deutlich besseren Unterricht und haben trotzdem die Aufmerksamkeit der Schüler und meistens auch mehr Beteiligung am Unterricht. Die Schüler zu bestrafen, weil sie eine Frage nicht beantworten können, ist für meine Vorstellung ziemlich unverständlich, weil man zur Schule geht um zu lernen. Außerdem führt diese Atmosphäre nur dazu, dass die Schüler nur dann eine Frage beantworten, wenn sie dazu aufgefordert werden oder sich ziemlich sicher sind. Alle sind erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass das Schlagen in Deutschland verboten ist und dass sich die Lehrer auch daran halten, wenn ihnen ihr Job lieb ist. Im Großen und Ganzen, ist es aber gar nicht so schlimm, wie es sich anhört, da es meistens bei Androhungen bleibt. Wenn ein Lehrer die Klasse betritt müssen alle Schüler aufstehen und auch wenn man eine Frage stellen oder beantworten will. Es ist ziemlich schwierig zu durchschauen, was erlaubt ist und was nicht, da manches gar nicht und anderes wiederum so übergenau genommen wird. Obwohl der Unterricht erst um viertel vor acht anfängt müssen alle Schüler spätestens um sieben in der Schule sein. Die letzten zwei Tage bin ich morgens alleine zur Schule gefahren, weil ich dadurch eine halbe Stunde länger schlafen kann. Jeden Morgen wird zuerst das ganze Schulgelände und dann die Klassenräume gefegt. Danach müssen sich alle zum „Assemble“ in Reihen und nach Häusern geordnet auf dem Schulhof aufstellen. Die Schüler sind in vier Häuser aufgeteilt, die jeweils eine unterschiedliche Farbe haben. Jedes Haus hat seinen eigenen Bereich, der jeden Morgen gesäubert wird und auch bei Sportveranstaltungen treten die einzelnen Häuser gegeneinander an. Während dem Assemble werden die Schul- und die Nationalhymne gesungen und es wird gebetet. Jeden zweiten Mittwoch versammeln sich alle in der Kirche, um zu beten, zu singen und zu klatschen. Die Kirche wird auch für andere Veranstaltungen genutzt, da es keinen anderen Raum gibt, der groß genug für alle Schüler ist. In der ersten Woche fand die „Reopening Ceremony“ statt. Mit allen Schülern war die Kirche ziemlich ausgefüllt und glich einem Meer aus blau-weißen Uniformen. Nach einem Gottesdienst wurden von verschiedenen Lehrern Ansprachen gehalten und alle Schüler zum neuen Schuljahr willkommen geheißen. Außerdem wurde auf die Kleidungsvorschriften hingewiesen und alle Schüler wurden dazu aufgefordert ihre Haare und Fingernägel „short, short, short“ zu halten. Bei meinen Haaren wurde eine Ausnahme gemacht, obwohl ich immer mal wieder gefragt werde, warum ich sie nicht abschneide.  In derselben Woche waren eine ghanaische und eine amerikanische Ärztin zu Besuch um die Schüler über Aids und Hepatitis B zu informieren. Sogleich wurde festgestellt, dass die Amerikanerin genauso aussehen würde wie ich, obwohl wir außer der Hautfarbe nicht wirklich viel gemeinsam hatten. Es wurde über die Ursachen, Symptome, Vorbeugungs- und Behandlungsmöglichkeiten der Krankheiten gesprochen und die Schüler wurden auf die Möglichkeit hingewiesen, sich gegen Hepatitis B impfen oder sich kostenlos auf HIV testen zu lassen. Nach dem Vortrag hatten alle Schüler die Möglichkeit Fragen zu stellen. Interessant war, dass fast alle Fragen von den Jungen gestellt wurden. Obwohl Aids in Ghana noch immer bei vielen Menschen als Tabuthema gilt, sieht man immer wieder Plakate oder Sendungen im Fernsehen, die darauf hinweisen und darüber informieren. Rose macht dieses Jahr eine Aids-Kampagne in Zusammenarbeit mit der ghanaischen Regierung, die sie auch schon letztes Jahr gemacht haben. Jeden Samstag bietet Rose in unserer Kirche eine Gesprächsrunde für alle Frauen an, in der sie unter anderem auch über HIV und Aids informiert und spricht. Zurück zur Schule: Neben den „School-Prefects“ gibt es in jeder Klasse „Class-Prefects“, die beide von den Schülern gewählt werden. Die Lehrer sieht man so gut wie nur im Unterricht, da alles andere von den „Prefects“ geleitet und geregelt wird, egal ob es die Gottesdienste, Assembles oder andere Ansprachen sind. Sie überwachen das allmorgendliche Putzen und kontrollieren, dass ja jeder etwas macht, ohne dabei selber mitzuhelfen. In der Art, wie sie ihre Befehle erteilen, wirken sie manchmal ziemlich arrogant. Wenn sie jedoch nicht gerade in ihrer Rolle als Prefects stecken, sind sie aber ganz normal und echt nett und schließlich wurden sie ja von den Schülern gewählt. Die „Class-Prefects“ sind hauptsächlich damit beschäftigt die Tafel zu putzen, Geld einzusammeln, Arbeiten auszuteilen oder Listen zu führen. Außerdem wird von den Prefects die Einhaltung der Kleidungsvorschriften kontrolliert und dass keiner vor Schulschluss das Schulgelände verlässt. Die erste Schulwoche war größtenteils ziemlich ereignislos, da wir noch kein Unterricht hatten. Die Lehrer kamen nur um die „End of Year Examinations“ zurückzugeben und teilweise zu besprechen. Auch mit vielen interessanten und lustigen Gesprächen können neun Stunden Herumsitzen und Nichtstun ziemlich lang werden und das mehr als fünf Tage hintereinander. Vor allem sind unsere Schulbänke, die nur aus einem schmalen Brett bestehen, ziemlich unbequem. Um ein bisschen Zeit zu vertreiben, habe ich es einfach den Anderen nachgemacht und ein bisschen geschlafen. Ein bisschen ist gut, soviel wie in dieser Woche habe ich glaube ich während meinen ganzen zehn Schuljahren nicht geschlafen. Dadurch dass ich immer so früh aufstehe und auch nicht früher ins Bett komme, bin ich meistens ziemlich müde. Außer Freitags geht die Schule jeden Tag bis um vier Uhr und vor fünf Uhr bin ich nie zu hause. Ich habe mich aber schon so an das frühe Aufstehen gewöhnt, dass ich auch am Wochenende nicht länger als sieben Uhr schlafe. In der zweiten Woche hat sich alles schon ein bisschen mehr eingespielt gehabt, obwohl immer noch viel Unterricht ausgefallen ist. Mindestens die Hälfte der Schüler war in dieser Woche nicht in der Schule, weil sie ihr Schulgeld noch nicht bezahlt hatten. Noch immer steht jeden Morgen ein Mann vor dem Schultor und kontrolliert die Quittungen und schickt alle, die sie nicht dabei haben, wieder heim. Deswegen saßen wir auch in dieser Woche viel herum. Eine willkommene Abwechslung waren deswegen immer die Pausen. Zum Essen gehen wir immer in eines der vielen „Restaurants“, wobei die Bezeichnung „Restaurant“ ein bisschen übertrieben ist. Es sind kleine, überdachte Stände, an dem jeweils ein Gericht verkauft wird. Man entscheidet sich also nicht im Restaurant für ein Essen, sondern sucht sich ein passendes Restaurant, je nachdem auf was man gerade Lust hat. Die meisten Restaurants befinden sich am Straßenrand oder in einem Hinterhof. Nachdem man sich eine Plastikschale genommen hat, sagt man der Verkäuferin wie viel Pesewas man bezahlen will und bekommt dann die passende Portion, wobei ein komplettes Essen zwischen 25 und 40 Cent kostet. Entweder sind Bänke im freien oder in einem kleinen Raum aufgestellt. Gegessen wird immer mit der (rechten!) Hand und nachdem Essen werden die halb leer getrunkenen Wasserbeutel zum Händewaschen genutzt. Die Restaurants erkennt man ganz einfach an der Menschenmenge aus Schülern, die sich um die Stände drängen und wahrscheinlich den Hauptumsatz der Verkäuferinnen darstellen. Nach jeder Pause wollen immer alle wissen, was ich gegessen habe und sind dann jedes Mal erstaunt und erfreut, dass ich die ghanaischen Speisen essen kann. Auch auf dem Schulgelände und vor der Schule sieht man immer Verkäufer und Verkäuferinnen, die Orangen, Bananen, Eis, Wasser und vieles mehr verkaufen. Je nach Berufswunsch kann man sich für eine der fünf Züge entscheiden, in die jede Jahrgangsstufe aufgeteilt ist. Es gibt Business, Visual Arts, General Arts, Science oder Home Economics und in jedem der Bereiche kann man wierum Schwerpunkte wählen. Eigentlich wollte ich in den Science-Zug, habe mich dann aber doch für General Arts enschieden, weil ich mit den ganzen englischen Fachbegriffen wahrscheinlich nicht so viel verstanden hätte. Da General Arts besonders auf Sprachen und Literatur ausgerichtet ist, habe ich so die Möglichkeit Französisch, Ga und Englisch zu lernen und habe trotzdem alle Grundfächer wie Mathe, Biologie usw. Ich habe jetzt meine meisten Bücher bekommen und die restlichen Bücher und Uniformen bekomme ich wenn die "Form-Ones" kommen. Ich habe euch am Ende ein Bild von meinem Stundenplan angehängt und bald werde ich euch Bilder von meinen Schuluniformen schicken.

Ich habe mich bis jetzt nicht getraut meine Kamera in die Schule mitzunehmen, da ich noch nicht so ganz durchschaut habe, was wann und ob überhaupt erlaubt ist. Nächste Woche haben wir „Inter-Houses“, bei denen die Häuser in verschiedenen Sportarten gegeneinander antreten werden. Jedes Haus hat Trikots und Shorts in der jeweiligen Farbe. Ich werde Volleyball spielen, obwohl ich nicht wirklich mit den anderen mithalten kann. Aber Übung macht den Meister und ich werde trainieren. Wir haben also wieder drei Tage keine Schule und ich hoffe dass ich dann Zeit finde ein paar Bilder zu machen. Letzte Woche haben wir ein paar Mal nach der Schule Volleyball gespielt, was echt Spaß gemacht hat. Aber wieder war ich unter ständiger Beobachtung und die halbe Schule hat sich um das Spielfeld versammelt um Akos Volleyball spielen zu sehen. Ob ich sie mit meinen Spielkünsten beeindruckt habe wage ich zu bezweifeln, aber ich habe mir angewöhnt gar keine Gedanken mehr darüber zu machen, was alle über mich denken. Es kommt mir vor, als hätte ich ständig einen Spiegel bei mir, weil jede meiner Bewegungen und Gesten aufs genaueste analysiert wird. 

Und zum Schluss möchte ich euch noch von unserem ersten Regen in der Schule berichten.Innerhalb von wenigen Minuten war der Himmel zugezogen und düster und von einem auf den anderen Moment fing es an zu prasseln. An Unterricht war nun nicht mehr zu denken. Alle drängten sich kreischend und lachend in die hinterste Ecke des Klassenzimmers, um nicht vom Regen durchnässt zu werden, der durch die undichten Stellen in dem Wellblechdach strömte. Die Lautstärke des Tumults, konnte ohne Probleme mit mit dem Trommeln des Regens mithalten. Nach ungefähr einer halben Stunde war der Regen dann auch schon wieder vorbei und nur die Pfützen auf dem G´Fußboden des Klassenzimmers erinnerten noch an ihn. Nun konnte auch der Unterricht fortgesetzt werden, als ob nichts gewesen wäre.

20. September 2009

Fischmarkt und Ausflug

Am Freitag Morgen waren wir mit Rose am Hafen in Tema. Für eine Klinik in Teshie hat sie 97 Krankenhausbetten gespendet bekommen. Obwohl es eine Spende ist, hatte Rose ziemliche Probleme ihre Container zu bekommen. Nachdem sie nun drei Monate am Hafen standen, musste sie viel Geld bezahlen um die Betten entladen zu können. Es scheint keine festen Bestimmungen zu geben und jeder will für irgendeine Leistung Geld. Abends sind wir dann auf den Fischmarkt gefahren. Rose's Vater ist der König der Fischern, die an der Küste der Greater Accra Region leben. Wie in dem Fischerdorf in Teshie, leben die Menschen in unglaublicher Armut. In kleinen, dicht beieinander stehenden Holzhütten. Viele Männer und Frauen haben keine Schulausbildung und die Meisten Kinder können nicht zur Schule gehen. In einem Hinterhof bieten einige Männer einen kostenlosen Tanzworkshop für die Kinder und Jugendliche an. Im Wasser und am Strand liegen hunderte der bunten Holzboote. Am Strand und auf dem Steg sitzen Männer und Jungen die die Netze flicken oder die zurückkehrenden Boote aus dem Wasser ziehen. Zwischen den Booten plantschen Kinder im Wasser und im Schatten unter den Booten liegen schlafende Menschen. Wenn wir nach Ada fahren werden wir vielleicht die Möglichkeit haben mit einem der Fischerboote herauszufahren. Am Samstag haben Seth, Astrid, Maureen und ich einen Ausflug in einen Botanischen Garten gemacht. Da der Garten in den Bergen liegt war es kühl und regnerisch. Zum ersten Mal hat es richtig geschüttet. Innerhalb von wenigen Minuten haben sich die Straßen in einen kleinen Bach verwandelt, der durch die Erde rot gefärbt war. So schnell wie der Regen angefangen hat war er dann auch wieder vorbei. Der Eintrittspreis für „Nicht Ghanaer“ war dreimal so hoch wie für Ghanaer. In dem Garten waren viele verschiedene Bäume und Pflanzen aus der ganzen Welt. Das schönste an dem Ausflug war allerdings die Ruhe, denn außer dem Gezwitscher der Vögel war nichts zu hörenzelte Hütten. Die Hüttet – kein Lärm und keine Musik. Hinter dem Botanischen Garten ist lange Zeit nichts außer Wald aus Palmen, Papaya-, Mango- und Kakaobäumen. Vereinzelt sieht man Hütten, die nur aus vier Stöcken an den Ecken und einem Dach aus getrockneten Palmwedeln bestehen. Diese Hütten sind an allen Seiten offen und schützen weder vor Wind noch vor Regen. Es gibt hier weder Wasser noch Strom und gekocht wir über dem Feuer. Diese Hütten liegen so versteckt, dass sie einem von der Straße gar nicht auffallen würden. Obwohl der Garten so weit von Accra entfernt liegt und wir ungefähr zwei Stunden unterwegs waren haben wir weniger als einen Euro für das Trotro bezahlt. Viele Trotros und Taxis fallen halb auseinander und kommen deswegen auch nicht so schnell vorwärts, dafür funktioniert bei allen die Hupe tadellos und ist auch ständig im Einsatz. Noch eine Erkenntnis: Eis essen in Ghana ist eine echte Herausforderung, weil das Eis schneller schmilzt als man mit Schlecken nachkommt. Deswegen gibt es das Eis meistens in verschweißten Plastikbeuteln, die man wie die Wassertüten an einer Ecke aufbeißt und ausdrückt. Das Eis schmeckt erstaunlich lecker!