Erlebnisse, Eindrücke und Bilder
Hallo ihr Lieben, es ist allerhöchste Zeit mal wieder zu schreiben. Schon seit Wochen nehme ich es mir vor, aber ich bin einfach nie dazugekommen. Jetzt bin ich schon mehr als drei Monate in Ghana und ich habe mich so eingelebt, dass ich ab und zu ganz vergesse, dass ihr auf meine Berichte wartet. Die Schule hat sich richtig eingespielt und nimmt unter der Woche meine ganze Zeit in Anspruch und auch am Wochenende bin ich entweder unterwegs oder im Haus beschäftigt. Jedenfalls gibt es wieder mehr als genug zu berichten. Vor ungefähr zwei Monaten hatten wir unsere „Interhouses“ in der Schule, bei denen die vier Häuser in Volleyball, Fußball, Handball und Tischtennis gegeneinander angetreten sind. Drei Tage ist der ganze Unterricht ausgefallen und alle die nicht gespielt haben, standen an Rand um ihr jeweiliges Haus anzufeuern. Weil ein Tischtennisspieler ausgefallen ist, bin ich für das grüne Haus „Quei“ angetreten und siehe da, zur Überraschung von allen hat Obruni sogar Silber geholt. In der nächsten Woche wurden in der Schulkirche die Ergebnisse verkündet und die Spieler genannt, die für das Training ausgewählt worden waren. Obwohl ich Tischtennis gespielt habe, durfte ich noch zum Volleyball wechseln. Seitdem heißt es für mich jeden Morgen um halb fünf aufstehen und um sechs in der Schule sein, um drei Stunden zu trainieren. Jeden Tag fallen deswegen die ertsen zwei Stunden für uns Weg, was sehr angenehm ist, weil sich neuen Stunden Schule doch ziemlich hinziehen können. Meine erste Pause fällt dadurch aber auch immer weg, weil ich die ganzen Aufschriebe kopieren muss. Durch das Training sind wir auch vom allmorgendlichen Fegen und von den Assemblies befreit. Bevor wir mit dem Volleyballtraining beginnen findet erstmal das „General Warm-Up“ statt, was eher einem Krafttraining gleicht. Eine Stunde Joggen, Zirkeltraining, Dehnen, Liegestützen, Situps... Der sandige Boden erschwert das ganze nochmal, deswegen hatte ich die ersten Tage regelmäßig Muskelkater, aber auch das ging schnell vorbei. Außerdem ist es gut sich auspowern zu können, bevor man den Rest des Tages auf der unbequemen Schulbank sitzt. Das Volleyball spielen macht wirklich Spaß, vor allem weil ich eine tolle Mannschaft habe und dadurch auch viele Leute aus den anderen Klassen kennen gelernt habe. Traurig ist, dass die Lehrer sogar beim Training mit ihrem Stock am Spielfeldrand stehen und ihn auch benutzen, obwohl doch alle Spieler freiwillig da sind. Die Alternative zum Stock sind Runden laufen oder Liegestützen, was ich für deutlich sinnvoller halte, wenn schon Strafen sein müssen. Die letzten Tage war keiner der Lehrer da und ein Schüler hat das Training übernommen, was die Stimmung deutlich entspannt hat und trotzdem haben alle ernsthaft mitgemacht. Ich finde das zeigt, dass es auch ohne geht. Bevor wir alle wieder unsere wunderschöne Schuluniform anziehen und in unsere Klassen gehen, kommen alle zusammen um zu beten. Leider trainieren wir nur noch diese Woche, weil nächste Woche die „Interschools“ stattfinden , auf die alle Schulen seit Wochen hin trainieren. Nächste Woche werden wir von Montag bis Mittwoch jeden Tag zu einem Stadion in Accra fahren, wo die Spiele stattfinden werden. Für diese drei Tage fällt wieder der ganze Unterricht aus, damit alle Schüler ins Stadion kommen können um ihre Schulen zu unterstützen. Obruni wird auf jeden Fall wieder für Aufregung sorgen und ich hoffe dass ich mich nicht allzu blöd anstelle, weil ich ohne Zweifel unter ständiger Beobachtung stehen werde. Ich werde euch berichten und hoffe dass ich auch Bilder machen kann. Ansonsten geht die Schule gut voran und in einem Monat haben wir Weihnachtsferien, was auch allerhöchste Zeit wird, da wir seit den Sommerferien hatten wir bis auf ein verlängertes Wochenende durchgehend Schule. Der Unterricht ist ungefähr mit dem in Deutschland zu vergleichen, obwohl hauptsächlich Frontalunterricht stattfindet und Gruppenarbeit oder ähnliches so gut wie unbekannt ist, was bei einer Klasse mit 60 Schülern auch nicht verwunderlich ist. Es gibt aber wie immer Lehrer die eine Ausnahme darstellen und trotz der Größe der Klasse einen sehr guten und interessanten Unterricht machen. Meistens werden jedoch nur Texte diktiert und erklärt, die zu Hause gelernt werden müssen und in der nächsten Stunde entweder mündlich oder in einem Test abgefragt werden. Das ghanaische Englisch macht mir keine Probleme mehr, dafür verstehe ich in den Ga Stunden nicht wirklich viel, weil alle die Sprache schon sprechen und der Unterricht deshalb nur auf Ga ist, ohne englische Übersetzung oder Erklärung. Deswegen nutze ich die Zeit immer um alleine Ga zu lernen und es wird immer besser, obwohl die Sprache doch nicht so einfach ist, wie ich am Anfang gedacht habe. Meine Klasse ist echt toll und ich habe so viele nette Freunde gefunden, mit denen ich auch am Wochenende etwas unternehme. Das einzige was mich regelmäßig wütend macht, ist dieses „caning“, was deutlich schlimmer ist wie ich erst angenommen habe. In den ersten Tagen habe ich gedacht, dass es meistens nur bei der Androhung bleibt, was aber auf gar keinen Fall so ist. Ganz im Gegenteil, seit der Unterricht richtig angefangen hat kommt es mir so vor, als ob die Lehrer jede Gelegenheit nutzen, um ihren Rohrstock benutzen zu können, egal ob es wegen Zuspätkommen, Reden oder einer falschen Antwort auf eine Frage ist. Jedes Mal erde ich so wütend und würde dem Lehrer am liebsten den Stock aus der Hand reißen und in in der Mitte entzwei brechen, wenn es nur etwas bringen würde. Das einzige was ich machen kann, ist den Lehrer böse anzuschauen, was er wahrscheinlich nicht einmal mitbekommt. Am traurigsten macht mich die Reaktion der Klasse, die das alles so gleichgültig nimmt und jedes Mal lacht, wenn ein Schüler geschlagen wird. Wie soll sich den je etwas ändern, wenn sich nicht mal die Schüler dagegen wehren und den Lehrern dadurch auch nicht gezeigt wird, dass es nicht richtig ist. Aber wie kann es anders sein, wenn schon die kleinsten Kinder damit aufwachsen und nichts anderes gewöhnt sind. Es gibt natürlich auch Ausnahmen und richtig nette Lehrer, die nicht ständig zeigen müssen dass sie etwas besseres sind. Aber wenn man bedenkt, dass es auch bei uns nicht sehr lange her ist dass die Prügelstrafe abgeschafft wurde, bleibt noch Hoffnung dass auch in Ghana irgendwann ein Gesetz dagegen erlassen wird. Davor muss sich jedoch erst einmal die Einstellung in der Bevölkerung dazu ändern, da es so tief in den meisten Menschen verwurzelt ist und auch noch in vielen Familien üblich ist. Gestern kam unser „Social Studies“ in die Klasse und hat uns erstmal alle aus dem Klassenzimmer geschickt. Danach hat er jeden Schüler einzeln herein gerufen und eine Frage gestellt und dass in so einer arroganten und eingebildeten Art, die mich noch wütender gemacht hat. Diejenigen die sie richtig beantworten konnten durften sich hinsetzten, alle anderen mussten sich in die Ecke stellen. Großzügig wie er war, durften sie sich sogar aussuchen, ob sie ihm ihr Handfläche oder den Hintern hinhalten wollten. Danach meinte er dann, dass er uns nicht bestraft sondern nur geholfen hätte, was von der Klasse mit einem einstimmigen „Yes Sir!“ beantwortet wurde. Ironischerweise setzte er seinen Unterricht danach mit einer Erklärung zu den Menschenrechten fort. Trotz alledem gehe ich gerne in die Schule und ich weiß auch, dass ich mich nicht ein ganzes Jahr darüber aufregen kann. Ein richtiger Pluspunkt ist die Schulkantine, die richtig leckeres Essen macht. Sie besteht aus fünf Ständen an denen man Kenkey, Fufu, Banku, Waakje und Reis kaufen kann. Mein Lieblingessen ist Kenkey, ein säuerlich schmeckender Maisklos der in Maisblätter gewickelt wird und mit Pfeffer und getrocknetem oder geräuchertem Fisch gegessen wir und einfach nur köstlich scmeckt, auch wenn ich einige Zeit gebraucht habe um mich an den Geschmack zu gewöhnen. Für das komplette Essen zahle ich gerademal 30 Cent.
Ganz liebe Grüße aus dem heißen Ghana!
Das Schulgebäude
Shiba beim Tanzen
Der Sandkasten
Das gemeinsame Mittagessen
Die Schuluniform
Kleine Tanzeinlage
Am letzten Dienstag war ich wieder nicht in der Schule. Schon früh morgens sind wir aufgebrochen um nach Partukorpe zu fahren, dem kleinen Fischerdorf in der Nähe von Ada, von dem die meisten von euch wahrscheinlich schon gehört haben. Nach mehreren Stunden im Trotro und einer anschließenden Taxifahrt, sind wir in Partukorpe angekommen. Auf dem Weg fährt man durch eine endlos weite, steppenähnliche Graslandschaft, die sich in Grün- und Gelbtönen zu beiden Seiten der Straße erstreckt. Zwischendrin stehen vereinzelt niedrige Bäume und immer wieder erheben sich rote Termitenhügel aus dem Boden. Alles ist ruhig und menschenleer und nur ab und zu sieht man die traditionellen Hütten eines kleinen Dorfes. Sobald man durch einen Ort fährt, wird es lauter, hektischer und voller. Verkäufer stürzen an das Auto, um ihre Waren anzupreisen und von jeder Ecke tönt Musik. Sobald man in die Nähe der Küste kommt, werden die niedrigen Bäume von majestätisch in den blauen Himmel regenden Palmen abgelöst. Die asphaltierten Straßen gehen in unbefestigte Straßen aus roter Erde über und die Schlaglöcher und Hubbel nehmen zu. Partukorpe ist einfach traumhaft und es würde einem nicht schwer fallen, bei dieser Idylle, die Armut der Menschen zu vergessen, die hier leben. Alles erscheint so friedlich und angenehm ruhig, was zum Teil daran liegt, dass es hier keinen Strom gibt. Ich habe soviel über Partukorpe geschrieben und erzählt, aber alles war mal wieder ganz anders, wie ich es mir vorgestellt habe. Partukorpe ist ein kleines, abgelegenes Dorf, direkt an der Küste. Die traditionellen, eckigen Lehmhütten mit ihren Dächern aus getrockneten Palmwedeln standen in Gruppen zusammen, die zum Teil von einem Zaun aus ebenfalls getrockneten Palmwedeln umschlossen. Sobald wir das Dorf betreten haben,wurden wir sofort herzlich willkommen geheißen und es wurden Stühle im freien aufgestellt. Nach der Tradition wird dem eine Schale mit Wasser gebracht, die von dem Gast dankend entgegen genommen und in verschiedene Richtungen auf die Erde geschüttet wird. Wir saßen im Schatten der Palmen, während vom Meer ein angenehm kühler Wind wehte. Die schöne, friedliche Stille wurde nur von dem Rauschen der brandenden Wellen durchbrochen. Das Dorf ist von sandigen Feldern umgeben, die von harter Arbeit unter glühenden Sonne zeugen. Der Hauptverdienst der Menschen hier, kommt jedoch von der Fischerei. Der Strand liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Ein langer, weißer, menschenleerer Sandstrand erstreckt sich so weit das Auge reicht. Die ganze Küste entlang stehen die riesigen Palmen, die in den blauen Himmel ragen. In anderen Worten: Der Strand ist einfach traumhaft und wie aus der Werbung. Richtig schwimmen konnte man allerdings nicht, da die hohen Wellen so eine Kraft hatten und so ein starker Sog entstand, dass man sich richtig dagegen stemmen musste. Am Strand lagen die traditionellen Holzboote, in deren Schatten die Fischer ihre Netze flickten. Wegen dem langen Rückweg hatten wir leider keine Zeit am Strand entlang zu wandern. Während wir mit ein paar Männern aus dem Dorf auf einer Bank saßen und auf ein Taxi gewartet haben, wurden uns frische Kokosnüsse angeboten. Wenn man die Kokosnüsse an der richtigen Stelle spaltet entsteht eine kreisrunde Öffnung, aus der man die köstliche kalte Flüssigkeit schlürfen kann und später das weiße Mark heraus kratzen kann. Sofort hatte sich eine Gruppe um uns versammelt, die den weißen beim Kokosnuss essen zuschauen wollten. Wenn hier jemand ein Handy oder Radio besitzt ist es sein ganzer Stolz, der allen zur Schau getragen wird. Außer ein paar Taxis sieht man hier so gut wie keine Autos, dafür aber umso mehr Motorräder, die bis zu vier Leute gleichzeitig transportieren. Es muss toll sein hier mit dem Motorrad über die langen roten Straßen fahren zu können, zu zelten und anhalten zu können wann immer wann will. Fast hätten wir die Möglichkeit gehabt ein Stück von einem Motorradfahrer mitgenommen zu werden. Auf dem Rückweg haben wir hunderte von Schulkindern am Straßenrand gesehen. Jeden Tag nehmen den stundenlangen Fußmarsch auf sich, um zur Schule gehen zu können. Wer hier ein Fahrrad besitzt hat ein wirkliches Privileg und jedes Fahrrad wurde mindestens von zwei Kindern benutzt.
An dieser Stelle darf ich nochmal allen Schülern und Sponsoren ganz herzlich von Rose danken, die unglaublich dankbar und überwältigt von dem Ergebnis des Spendenlaufes war und sich schon zum hundertsten Mal bedankt hat.
Die Bewohner von Partukorpe wussten noch nichts von dem Geld und ich habe auch nicht gefragt, weil ich nicht wusste ob sie es ihnen erst sagen wollen, wenn sie mit den Arbeiten weitermachen können. Ein anderes Projekt des Deutsch - Ghanaischen Entwicklungshilfevereins ist ein Kindergarten und eine Vorschule in dem Neubaugebiet von Teshie, in dem wir wohnen. Durch die Landflucht wächst dieses Neubaugebiet so schnell, dass die Leute mit dem Ausbau der Infrastruktur nicht nachkommen. Die Straßen sind schlecht, der Strom fällt immer wieder aus und seitdem ich hier bin gibt es nur manchmal fließen Wasser mitten in der Nacht. Außerdem gibt es zu wenig öffentliche Schulen und Krankenhäuser. Gerade wird ein großes, öffentliches Krankenhaus in Teshie gebaut, das von Chinesen finanziert wird. Der Kindergarten sollte eigentlich schon im September fertiggestellt werden. Wegen dem starken Regen wurde jedoch ein Teil wieder zerstört und die Arbeiten konnten nicht fortgesetzt werden. Jetzt ist das Gebäude fertig und es wird nur noch gestrichen und geputzt. Im letzten Monat hat der Kindergarten schon mit ein paar Kindern in unserem Haus begonnen und bald können sie in das richtige Gebäude umziehen. Dann werden es auch schnell mehr Kinder werden.
Weil Rose zur Zeit jeden Tag mit dem Kindergarten beschäftigt war, hatte sie keine Zeit für das Projekt in Partukorpe. Im April wird sie erneut nach Ghana kommen und dann werden wir uns intensiv um die Fertigstellung des Mehrzweckgebäudes in Partukorpe kümmern. Rose wird dann für einen Monat in Partukorpe leben, um die Arbeiten zu überwachen und sie hat mir angeboten mitzukommen. Ich hoffe dass ich wirklich die Möglichkeit bekommen werde dort für eine Zeit zu leben, um einen Eindruck von dem Leben der Menschen dort zu bekommen. Ich werde euch auf jeden Fall berichten und auf dem Laufenden halten.
Ich habe mich bis jetzt nicht getraut meine Kamera in die Schule mitzunehmen, da ich noch nicht so ganz durchschaut habe, was wann und ob überhaupt erlaubt ist. Nächste Woche haben wir „Inter-Houses“, bei denen die Häuser in verschiedenen Sportarten gegeneinander antreten werden. Jedes Haus hat Trikots und Shorts in der jeweiligen Farbe. Ich werde Volleyball spielen, obwohl ich nicht wirklich mit den anderen mithalten kann. Aber Übung macht den Meister und ich werde trainieren. Wir haben also wieder drei Tage keine Schule und ich hoffe dass ich dann Zeit finde ein paar Bilder zu machen. Letzte Woche haben wir ein paar Mal nach der Schule Volleyball gespielt, was echt Spaß gemacht hat. Aber wieder war ich unter ständiger Beobachtung und die halbe Schule hat sich um das Spielfeld versammelt um Akos Volleyball spielen zu sehen. Ob ich sie mit meinen Spielkünsten beeindruckt habe wage ich zu bezweifeln, aber ich habe mir angewöhnt gar keine Gedanken mehr darüber zu machen, was alle über mich denken. Es kommt mir vor, als hätte ich ständig einen Spiegel bei mir, weil jede meiner Bewegungen und Gesten aufs genaueste analysiert wird.
Und zum Schluss möchte ich euch noch von unserem ersten Regen in der Schule berichten.Innerhalb von wenigen Minuten war der Himmel zugezogen und düster und von einem auf den anderen Moment fing es an zu prasseln. An Unterricht war nun nicht mehr zu denken. Alle drängten sich kreischend und lachend in die hinterste Ecke des Klassenzimmers, um nicht vom Regen durchnässt zu werden, der durch die undichten Stellen in dem Wellblechdach strömte. Die Lautstärke des Tumults, konnte ohne Probleme mit mit dem Trommeln des Regens mithalten. Nach ungefähr einer halben Stunde war der Regen dann auch schon wieder vorbei und nur die Pfützen auf dem G´Fußboden des Klassenzimmers erinnerten noch an ihn. Nun konnte auch der Unterricht fortgesetzt werden, als ob nichts gewesen wäre.